Der Beginn einer neuen Ära – von der DEFA zur Privatisierung

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Der Beginn einer neuen Ära – von der DEFA zur Privatisierung

So groß die Freude nach dem Mauerfall war, so groß war auch die Unsicherheit, die sich 1989 in den DEFA-Studios ausbreitete. Nach 43 Jahren und fast 3000 produzierten Spiel- und Dokumentarfilmen hing die Zukunft des Filmstudios am seidenen Faden. Nach der Wende ging die DEFA in den Besitz der Treuhandanstalt über, die nach dem Treuhandgesetz vom 17. Juni 1990 den Auftrag hatte, die Staatsbetriebe der DDR zu privatisieren und somit auch das Studio an private Unternehmen zu verkaufen. Im Zuge dessen fand auch die Umwandlung der "VEB DEFA-Studio für Spielfilme" in die Kapitalgesellschaft "DEFA Studio Babelsberg GmbH" statt.

Quelle: DIF, © DEFA-Stiftung, DEFA-Köfer
"Der Tangospieler": Michael Gwisdek

Doch Veränderungen bedeuten nicht immer nur Gutes: Besonders für die DEFA-Mitarbeiter brachen harte Zeiten an. Aufgrund enormer Subventionskürzungen für das Studio wurde ein Großteil der 2.400 Angestellten entlassen. Obwohl nun mehr als die Hälfte aller ehemaligen Mitarbeiter fehlte, wurden weiterhin DEFA-Spielfilme realisiert. In größerem Maße wurden noch bis 1992 Filme von der DEFA hergestellt, durch die DEFA finanziert und überwiegend von DEFA-Mitarbeitern gestaltet.

Hinzu kam ein weiteres Problem: Die Filmproduktion befand sich in einer inhaltlichen Krise. Angesichts der sich überschlagenden politischen Ereignisse hinkten die Filme fast zwangsläufig hinterher. Desto größer wurde der Wunsch, den sich rasant verändernden Verhältnissen irgendwie gerecht zu werden. Der Film "Das Land hinter dem Regenbogen" (1992/93) rechnete zwar mit der ehemaligen DDR ab, jedoch war die Art und Weise, derart mit der sozialistischen Vergangenheit umzugehen, für manche Zuschauer schlicht unerträglich.

Wenn (ehemalige) Tabuthemen angesprochen oder Systemkritik in Filmen geübt wurde, wirkten diese nun überholt und harmlos. Roland Gräf gelang es mit seinem Film "Der Tangospieler" (1990), authentisch das Leben in der DDR aufzuarbeiten, der ironische Ton des Films verblasst dabei jedoch. Die tiefgreifenden Veränderungen zu dieser Zeit, mit denen die Filme kaum Schritt halten konnten, trugen sicher dazu bei, dass viele DEFA-Produktionen auf geringes Publikumsinteresse stießen. 

Das Erbe der DEFA
Um das Finanzloch etwas zu füllen, entwickelte eine Arbeitsgruppe der Treuhand 1991 eine touristische DEFA-Tour. Zudem bestand von Seiten der Filmemacher und der Studioleitung der Wunsch, die filmische Hinterlassenschaft der DEFA zu erhalten und nutzbar zu machen.

Zu diesem Zwecke wurde im September ein Beschluss und Gesetz zur Errichtung einer DEFA-Stiftung erlassen. Jedoch scheiterte der Versuch dieses Projekts bereits wenige Monate später, da sich organisatorische Mängel und juristische Fehler einschlichen und sich zudem die Filmschaffenden in bestimmen Punkten nicht einig werden konnten. Die Neugründung der bis heute aktiven DEFA-Stiftung fand so erst Ende 1998 statt. 

Zu neuen Ufern
Das Jahr 1991 war zugleich die Geburtsstunde des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB), der sich zunächst als Untermieter der DEFA auf dem Studiogelände ansiedelte, zwei Jahre später jedoch sein eigenes Areal erwarb. Der ORB ging am 1. Januar 1992 auf Sendung und löste damit den Deutschen Fernsehfunk und den Rundfunk der DDR ab, die ihren Sendebetrieb einen Tag zuvor eingestellt hatten.

Das Jahr brachte viele weitere Neuerungen mit sich: Nach dem Nachlassen der Filmproduktion und mehreren fruchtlosen Konzepten zur Sanierung und zum Verkauf der DEFA wurde das Filmstudio schließlich an den französischen Mischkonzern CGE (Compagnie Générale des Eaux) bzw. deren Tochterfirma CPI (Compagnie Immobiliére Phénix) für 130 Millionen DM verkauft. Der neue Besitzer strich die Abkürzung "DEFA" aus dem Firmennamen und das Studio wurde in "Babelsberg Studio GmbH" umbenannt. Mit dem Autorenfilmer und Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff wurde ein international renommierter Filmschaffender als Geschäftsführer präsentiert, der bis 1996 eine der leitenden Persönlichkeiten in Babelsberg bleiben sollte.

Quelle: Basis, DIF, © Basis-Film Verleih
"Novalis - Die blaue Blume"

Um den verunsicherten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine gewisse Sicherheit zu geben, wurde eine Beschäftigungsgarantie für die rund 700 DEFA-Angestellten bis 1994 zugesichert. Jedoch drückte sich diese oft in reiner Bezahlung aus, überwiegend mangelte es an Beschäftigung. Die erste Kinoproduktion unter dem neuen Namen Studio Babelsberg, Bernhard Sinkels "Der Kinoerzähler", läutete 1992/93 das unwiederbringliche Ende einer Ära ein. Nur wenig später, im Februar 1993, begannen die Dreharbeiten zum letzten DEFA-Spielfilm "Novalis – Die blaue Blume", einem Experimentalfilm über einen jungen Mann, der sich gegen die Prinzipien seiner Familie stellt und schließlich von der Liebe berührt wird, die jedoch unerfüllt bleibt.

Indes schritt die Privatisierung und Erweiterung der DEFA-Filmtour voran, von nun an unter dem neuen Namen "Studiotour Babelsberg". Mit dem Film "Mesmer" begann das Studio 1993 seine erste internationale Filmproduktion. Eine von vielen, die zukünftig das Studio mit prägen sollten.

Die Entwicklung der Medienstadt
Seitdem das Filmstudio 1992 an die CGE verkauft worden war, hatte man nach neuen Konzepten für das Gelände gesucht. Schnell war klar, dass man einerseits den Standort für Filmproduktionen erhalten, jedoch auch weitere Komplexe aus verschiedensten Dienstleistungssektoren errichten wollte. Die Schwerpunkte sollten dabei auf die Studiotour und den Filmpark gelegt werden sowie auf den Immobilienmarkt und die Vermietung von Büros. Vor allem standen jedoch bald Produktionen für das deutsche Fernsehen im Mittelpunkt. Babelsberg sollte zur Medienstadt werden – ein Ziel, das einige Jahre und hohe Investitionen beanspruchen würde.

Zurück zu den Wurzeln
Geschäftsführer Volker Schlöndorff bemühte sich in den folgenden Jahren, zahlreiche Firmen der Medienbranche nach Babelsberg zu locken, um mit ihrer Hilfe dem Gelände neues Leben einzuhauchen. Zunächst hatte er einige Absagen hinzunehmen, nachdem sich jedoch der ORB auf dem Areal niedergelassen hatte, beschloss auch das namentlich traditionsbehaftete Unternehmen UFA, zu seinem alten Standort Babelsberg zurückzukehren. Gegenüber dem Filmstudio errichtete man einen Neubau: In Zukunft sollten zahlreiche Fernseh-Koproduktionen entstehen, der Grundstein für eine weitgefächerte TV-Unterhaltung aus Serien, Daily-Soaps, Shows und Werbesports war gelegt.

Quelle: X Verleih, DIF
Volker Schlöndorff bei den Dreharbeiten zu "Ulzhan - Das vergessene Licht"

Vor allem deutsche TV-Serien waren es, die Mitte der 1990er Jahre einen regelrechten Boom an Produktionen erlebten. Insgesamt 100 Millionen DM investierte man, um in Babelsberg einen modernen TV-Studiokomplex zu errichten. 1995 zog die Crew der RTL-Daily-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" von Berlin-Tempelhof nach Babelsberg um und wurde damit zu einem wichtigen Aushängeschild für erfolgreiche Fernsehproduktion. Des Weiteren entstanden hier Unterhaltungsprogramme wie "Verstehen Sie Spaß?" oder die Talkshow "Vera am Mittag". Zu den bekannteren Serien zählten das bis 2007 produzierte "Schloss Einstein" und die vier Staffeln umfassende Arztserie "OP ruft Dr. Bruckner".
Die Vision einer modernen Medienstadt war jedoch noch weit entfernt von der Realität, da das Gelände 1996 noch zu sehr einer großen Baustelle glich. Die Haupteinnahmen stellte der Filmpark mit seiner Studiotour dar – ein erfolgreiches Geschäft, angesichts der noch geplanten Ausgaben für die Medienstadt jedoch von geringerer finanzieller Bedeutung.

Technische Innovationen
Derweil konzentrierte sich Manager Pierre Couvheines darauf, das Studio mit technischen Neuerungen auszustatten, sodass es in Zukunft auch mit internationalem Standard mithalten könne. Manuell betriebene Schneidetische wichen elektronischen, Computeranimationsprogramme und HDTV-Einrichtungen passten die Babelsberger Technik der in anderen großen Filmstudios an. Zudem errichtete man ein modernes Tonmisch-Studio und ein High-Tech-Center, welches über ein virtuelles Studio verfügte und digitale Filmbearbeitung ermöglichen sollte. Damit war neben Film- und Fernsehproduktion die dritte Säule der Medienstadt entstanden: die Postproduktion. Um diese optimal zu gestalten, wurde ein aus drei Studios bestehendes FX-Center errichtet. Jedes dieser Studios ist verschiedentlich spezialisiert, beispielsweise für Filmaufnahmen mit Special Effects und Blue-Screen. Zu weiteren wichtigen Einrichtungen gehören das Art-Department, die Tonabteilung, so wie die Requisite und das Kostümstudio.

Ein Film, der Grenzen thematisiert, ließ auch das Studio Babelsberg eine Grenze überschreiten. Mit "Sonnenallee" schaffte es das Studio im Jahr 1999 aus einem langen Tief zurück auf die Bildfläche. Der auf dem Gelände gedrehte Film entsprach zwar nicht dem Geschmack vieler Kritiker, wurde jedoch ein kommerzieller Erfolg, der Aufmerksamkeit mit sich brachte. Damit war das Studio als Drehort wieder im Gespräch.

Quelle: Delphi, DIF
"Sonnenallee": Peter-Joachim Krause (2.v.l.), Detlev Buck (3.v.l.), Leander Haußmann (4.v.l.) (Dreharbeiten)

Eine Medienstadt für einen Euro
2002 wurde der Bahnhof Potsdam-Drewitz in "Potsdam Medienstadt Babelsberg" umbenannt, um ihn auch namentlich in die ehemalige, nun als Medienstandort verstandene "Filmstadt" zu integrieren und Touristen zu zeigen, auf welchem historischen Gebiet sie sich befanden. Derweil wuchs die Auslastung der 16 Filmstudios. 2004 setzte sich die eine Hälfte des Umsatzes der Studio Babelsberg GmbH aus Fernsehproduktionen zusammen, die andere aus Kinoproduktionen.

2004 folgte schließlich eine weitere Veränderung in der Geschäftsleitung: Der französische Medienkonzern Vivendi (formal Compagnie Générale des Eaux) verkaufte das verschuldete Studio für den symbolischen Preis von nur einem Euro an die Medienmanager Dr. Carl Woebcken und Christoph Fisser. Die beiden Neubesitzer, die von Vivendi zusätzlich eine Mitgift von 18 Millionen Euro erhielten, versicherten allen Beteiligten, Babelsberg als Filmstandort zu erhalten. Laufende Produktionen wie der von Andreas Dresen inszenierte und  von der Studio Babelsberg GmbH koproduzierte "Willenbrock" wurden fortgesetzt, vor allem aber die internationale Ausrichtung des Studios gestärkt. Nachdem Woebcken und Fisser mit der Studio Babelsberg AG 2005 an die Börse gingen, wurden in Potsdam erstmals wieder schwarze Zahlen geschrieben.

Im darauffolgenden Jahr folgte man in Babelsberg einem neuen TV-Trend, ausgelöst durch die Vorabend-Serie "Verliebt in Berlin": dem Format der Telenovela. Für das öffentlich-rechtliche Fernsehen produzierte man zwischen 2005 und 2010 auf ähnlichen Konzepten basierende Serien dieser Art, welche Titel trugen wie "Bianca – Wege zum Glück" oder "Tessa – Leben für die Liebe". Diese Telenovelas sorgten für längere Zeit für eine gute Auslastung der TV-Studios. Mittlerweile schrieb man in Babelsberg schwarze Zahlen, nachdem es die ersten Jahre nach der Wende nicht gut um die Filmstudios gestanden hatte. Von der wachsenden Bedeutung der Medienstadt profitieren auch die Studios.

In den darauf folgenden Jahren schwamm das Studio weiter auf der Erfolgswelle. Im Jahr 2007 standen elf Kinogroßproduktionen in den Auftragsbüchern des Studios, davon sieben deutsche Filme. Von den zahlreichen internationalen Produktionen, die mit der Unterstützung des Deutschen Filmförderfonds ermöglicht werden können, profitieren letztendlich auch die nationalen Produktionen, weil sie durch die erwirtschafteten Gewinne finanziell unterstützt werden können. Im Jahr 2008 gehört das Studio Babelsberg bereits zu den umsatzstärksten Großatelierstudios für Kinofilme in Europa, produziert Publikumslieblinge wie "Hexe Lilli – Die Reise nach Mandolan" oder die Krimikomödie "Jerry Cotton" mit Christian Tramitz.

Quelle: Kinowelt, DIF, © Dark Castle Entertainment / Warner Bros. Pictures, Foto: Jay Maidment
"Unknown Identity": Diane Kruger, Liam Neeson

Eine stetige Entwicklung
Bis heute entwickelt sich die Medienstadt Babelsberg stetig weiter. Die Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" ließ sich im Jahr 2000 in einem Neubau auf dem Gelände nieder und auch einige Radiosender zog es nach Babelsberg. Mittlerweile übertragen Sender wie Fritz, Antenne Brandenburg und Radio Teddy ihr Programm aus dem Rundfunkhaus der Medienstadt. Auf dem Areal sind über 1.700 Menschen auf einer Fläche von 46 Hektar beschäftigt.

Auch das Gelände des Filmstudios gewinnt weiter an technischen Neuheiten und besonderen Kulissen. Nachdem bereits 1998 die vielfach für Kinofilme genutzte "Berliner Straße" errichtet worden war, konzentrierte man sich in den letzten Jahren vermehrt auf spezielle technische Kulissen, welche vor allem für internationale Großproduktionen, aber auch deutsche TV-Filme und -Serien attraktiv sein sollten. 2009 baute man ein hydraulisch bewegbares, 20 Meter langes Flugzeug-Set, das erstmals im Auftrag von ProSieben für den Actionthriller "Crashpoint – 90 Minuten bis zum Absturz" und später unter anderem für Roman Polanskis Kinoproduktion "Der Ghostwriter" (2009/10) Verwendung fand. Ein Jahr wurde für die Dreharbeiten des Thrillers "Unknown Identity" (2009–11) der bisher größte Wassertank Deutschlands mit einem Fassungsvermögen von 500.000 Litern errichtet.

Bis heute erfreut sich das Studio Babelsberg einer Auslastung sowohl durch hiesige als auch durch internationale Produktionen. Durch diese grenzüberschreitende Ausrichtung des Produktionsstandorts schlägt Babelsberg unter heutigen Vorzeichen auch eine gewisse Brücke zu den ersten Jahre der Studiogeschichte, in der gerade internationale Filmschaffende wie Urban Gad, Asta Nielsen und Stellan Rye den Ruf Babelsbergs mitbegründeten.

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