"Nation geschlossen" - Babelsberg im NS-Regime

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"Nation geschlossen" - Babelsberg im NS-Regime

Er sähe in der Einrichtung des neuen Ministeriums "insofern eine revolutionäre Regierungstat, als die neue Regierung nicht mehr die Absicht hat, das Volk sich selbst zu überlassen." So äußerte sich Joseph Goebbels am 15. März 1933 zu der Gründung des von ihm geleiteten Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP), das keinen anderen Zweck verfolge, "als die Nation geschlossen hinter die Idee der nationalen Revolution zu stellen." Werde "der Zweck erreicht," so Goebbels weiter, "dann mag man über meine Methoden den Stab brechen; das wäre vollkommen gleichgültig, denn das Ministerium hat dann mit seinen Arbeiten den Zweck erreicht." Weil für dieses Ziel die Abteilung Film als besonders bedeutend galt, wurden von Beginn an Maßnahmen ergriffen, Konzeption, Produktion und Aufführung von Filmen einer rigiden staatlichen Kontrolle insbesondere durch das neu geschaffene Propagandaministerium zu unterwerfen.

Wesentliche Grundlagen für die Kontrolle lieferten das "Lichtspielgesetz" vom 16. Februar 1934 sowie die Gründung der Filmkreditbank von 1933, welche als Finanzierungsstelle für Filmvorhaben die ökonomische Abhängigkeit der Filmindustrie vom Staat einleiten sollte. Zudem mussten schon im Juli 1933 alle Kinobetreiber und Filmschaffenden der Reichsfilmkammer beitreten, was jedoch nur jenen gestattet wurde, die "deutscher Abstammung" waren und "die deutsche Staatsbürgerschaft" besaßen. Damit war der rechtliche Boden bereitet, wie der Filmhistoriker Martin Loiperdinger betont, allen Deutschen, die von den Nazis "der jüdischen Kulturgemeinschaft" zugerechnet wurden, durch "das rassistische Zusatzkriterium der Abstammung" die Zugehörigkeit zum "Volk" und somit die Möglichkeit der Beschäftigung in der Kino- und Filmindustrie zu verwehren.

Quelle: DIF
Siegfried Arno

Ausschluss, Verfolgung und Exil
Die künftig produzierten Filme sollten in jeder Weise den Erwartungen des Regimes entsprechen, und sowohl Propaganda- als auch Unterhaltungsfilme entscheidend bei der Verbreitung und Durchsetzung der NS-Ideologie mithelfen. Was dies konkret bedeutete, ist exemplarisch an den deutschen Komödien zu beobachten, die – von Goebbels später als "wertvolles Instrument der Volksführung im Kriege" gewertet – seit ihren Anfängen stark durch jüdische Stars geprägt worden waren, welche nun diffamiert und verfolgt wurden.
Stars wie Ernst Lubitsch, Paul Morgan, Max Hansen, Otto Wallburg und, ein besonderer Fall, Reinhold Schünzel, die beim Publikum der Kaiserzeit und der Weimarer Republik für Unterhaltung sorgten, wurden als "das Andere" verfemt. "Der Exodus von Filmkomikern aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach 1933," erläutert der Filmhistoriker Ronny Loewy, betrifft die großen und größten ihres Faches: Siegfried Arno, Curt Bois, Felix Bressart, Kurt Gerron, Dolly Haas, Ossi Oswalda, Szöke Szakall, um nur wenige zu nennen."

Schon am 29. März 1933, nur einen Tag nach der richtungsweisenden Rede im Berliner Hotel Kaiserhof, in der Goebbels die völkische Zukunft des deutschen Films skizziert, reagierte der Ufa-Vorstand. Mit "Rücksicht auf die infolge der nationalen Umwälzung in Deutschland in den Vordergrund getretene Frage über die Weiterbeschäftigung von jüdischen Mitarbeitern und Angestellten," ist in der Niederschrift der Ufa-Vorstandssitzung zu lesen, sollten "nach Möglichkeit die Verträge mit jüdischen Mitarbeitern und Angestellten gelöst werden."
Natürlich war es kaum möglich alle jüdischen Mitarbeiter auf einmal zu entlassen, da es einen zu großen Ausfall für anstehende Produktionen bedeutet hätte. So entschied man sich mit Einzelnen Sonderregelungen zu treffen. Neben dem Komponisten Werner Richard Heymann, der laut Ufa-Vorstand "als Frontsoldat den Krieg mitgemacht hat" und Schauspielerin Rosy Barsony, die "mit Rücksicht auf die Knappheit an jugendlichen Darstellern" in "Walzerkrieg" (1933) weiterbeschäftigt wurden, durfte zunächst auch der beliebte Otto Wallburg bleiben. Nur sollte vermieden werden, hieß es, ihm tragende Rollen zu überlassen. All diese Sonderregelungen währten jedoch nicht lange.


Quelle: DIF, SDK
"Viktor und Viktoria": Renate Müller, Adolf Wohlbrück

Der als "Halbjude" klassifizierte Reinhold Schünzel konnte trotz der Zensur noch dank Sondererlaubnis einige international erfolgreiche und bemerkenswerte Unterhaltungsfilme in Babelsberg realisieren – wie "Viktor und Viktoria" (1933), ein musikalisches Verwechslungsspiel um Geschlechterrollen und Identität, und "Amphitryon" (1935), eine musikalische Komödie nach dem Bühnenstück von Heinrich von Kleist, in der Schünzel die "SS-Leibstandarte Adolf Hitler" in Sandalen und Minirock aufmarschieren ließ. Mit "Land der Liebe" (1937) "flog Schünzels Camouflage auf," wie der Filmhistoriker Jörg Schöning anmerkt, und Goebbels, verstimmt über das zu NS-Zwecken "unbrauchbare" Werk, vermerkte in seinem Tagebuch: "Das hat dieser Halbjude mit Absicht gemacht." Noch vor der Premiere des Films verließ Schünzel Deutschland und nahm in den USA ein Angebot des Studios MGM an. "Die größte Anzahl Exilanten," erläutert die Filmhistorikerin Sabine Hake, "kam in den späten 1930er Jahren unter weniger günstigen Bedingungen in die Vereinigten Staaten; vielen wurde von der Agentur Paul Kohners geholfen." Sigi Arno, dessen Komik zur Weimarer Zeit auf eine Stufe mit internationalen Stars wie Charlie Chaplin und Buster Keaton gestellt worden war, konnte – trotz der Unterstützung Paul Kohners – nur durch kleine Nebenrollen, Theaterarbeit und Jobs als Zeichner und Porträtist überleben. "Abgesehen von Marlene Dietrich," so Hake, "war eine bedeutende Hollywoodkarriere nur Peter Lorre und Conrad Veidt beschieden."

Staatspolitisch wichtig
Ab 1939 wurde der Unterhaltungsfilm von Goebbels, wie seinen Tagebüchern zu entnehmen ist, zunehmend als "staatspolitisch wichtig, wenn nicht sogar kriegsentscheidend" angesehen. Gleichzeitig sollte das "Judenbild" in der Öffentlichkeit gerade durch das Kino weiter im Dienste der NS-Propaganda konturiert werden, wozu Filme wie "Juden ohne Maske" (1938), "Die Rothschilds" (1940) oder die Pseudodokumentation "Der ewige Jude" (1940) dienen sollten. Zum Erscheinen von "Juden ohne Maske" hieß es in den Münchner Neusten Nachrichten entsprechend: "(So) können wir es kaum noch begreifen, daß eine andere, als die abstoßende Wirkung sich bei diesen Szenen einstellen mochte."

In "Der ewige Jude" wurden unter anderem Richard Oswald, Kurt Gerron, Paul Morgan, Rosa Valetti, Curt Bois, Peter Lorre und Fritz Kortner mit der Hetze verbunden, welch "verderbliche Folgen" die Beschäftigung jüdischer Filmschaffender im deutschen Kino gehabt habe: "Die Darstellung des Anrüchigen und Unappetitlichen," lautet der Kommentar des Sprechers Harry Giese zum Bild Kurt Gerrons, "gilt dem Juden als besonders ergiebiges Gebiet für komische Wirkungen." Zu Kortners Darstellung heißt es: "Der Jude interessiert sich instinktiv für alles Krankhafte und Verdorbene." Während Lorre und Bois zu denen gehörten, die ins Exil flüchten konnten, zählten Gerron, Morgan und Wallburg zu jenen Stars der Babelsberger Filmgeschichte, die in Konzentrationslager deportiert und getötet wurden.

Quelle: DIF
Kurt Gerron

Die Produktion geht weiter
Andere besetzten die freien oder neu geschaffenen Positionen, wurden protegiert und in hochrangige Positionen befördert. Der Regisseur Carl Froelich wurde 1937 zum Leiter des Kunstausschusses der Ufa und ab 1939 sogar zum Präsidenten der Reichsfilmkammer. Der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Liebeneiner leitete die künstlerische Fakultät der Deutschen Filmakademie Babelsberg, der Regisseur Karl Ritter und der Schauspieler Paul Hartmann wurden in den Aufsichtsrat der Ufa berufen, der Regisseur Veit Harlan wurde, wie er sich selbst ausdrückte, "zum Professor erhoben." Den Ehrentitel Staatsschauspieler trugen Akteure wie Willy Birgel, Heinrich George, Emil Jannings und Heinz Rühmann.

Auf die Personalprobleme, die zunächst durch die Berufsverbote und später durch die Kriegseinsätze entstanden, wurde durch verschiedene Strategien reagiert. Zur Heranziehung des Nachwuchses wurde am 4. März 1938 die erste staatliche deutsche Ausbildungsstätte für Filmkünstler gegründet: die Deutsche Filmakademie Babelsberg. Viel wichtiger jedoch war der systematische und bis heute nahezu vergessene Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, ohne den die Filmproduktion in der ersten Hälfte der 1940er Jahre nicht hätte funktionieren können. Wie die Historikerin Almuth Püschel recherchiert hat, erwarb die Ufa im Herbst 1942 von der Stadt Potsdam zwei Flächen in unmittelbarer Nähe des Filmstudios, um dort in einem eigenen Barackenlager, das für circa 600 Insassen ausgerichtet war, ihre Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter unterzubringen. "Nachgewiesen ist," so Püschel, "dass 41 Kinder von Ostarbeiterinnen und Polinnen in Potsdam starben, davon waren mindestens 18 in Potsdam geboren worden." Püschel erinnert zudem daran, dass das gesamte öffentliche Leben seit den frühen 1940er Jahren auf Zwangsarbeit basierte. So hielten die auf unterschiedlichste Weise – von Anwerbung durch Versprechungen bis hin zum offenen physischen Terror – rekrutierten Zwangsarbeiter nicht nur die Landwirtschaft und Rüstungsindustrie am Laufen, sondern auch die Produktion in der Kultur- und Unterhaltungsbranche.

Quelle: DIF
"Glückskinder": Lilian Harvey, Willy Fritsch

Die im Mai 1936 in Babelsberg gedrehte musikalische Komödie "Glückskinder" mit Lilian Harvey und Willy Fritsch, die als eine Art Remake von Frank Capras "It Happened One Night" (1934) in New York spielt, ist, darauf hat der Filmhistoriker Eric Rentschler aufmerksam gemacht,  sowohl Ausnahme als auch Bestätigung der gewünschten Ausrichtung im NS-Film. Obwohl sich das deutsche Kino hier unverhohlen an den USA orientiert und amerikanischen Alltag alles andere als unfreundlich oder einfallslos darstellt, passte "Glückskinder", so Rentschler, dennoch in die von Goebbels gewünschte Richtung: "Der deutsche Film konnte mit Hollywood konkurrieren und auch ohne Juden im Schauspieler- und sonstigen Personal eine Komödie produzieren, die vom Publikum gern angenommen wurde" – zu den Fans gehörte auch Hitler, "der für seine Berghof-Sammlung eine Kopie bekam." Auch der vielleicht berühmteste NS-Unterhaltungsfilm, "Die Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle, ist (im Frühling 1943) zu weiten Teilen im Studio Babelsberg gedreht worden. Er verbindet Lausbubenkomik mit Elementen der Ideologie der "Neuen Zeit" und genießt gleichwohl bis heute deutschlandweiten Kult-Status.

Quelle: DIF
"Stukas": Szene mit Carl Raddatz (4.v.l.)

Reichsbesitz
Wenngleich die Mehrzahl der NS-Filmproduktion bekanntlich und planmäßig keine ostentative NS- und Kriegspropaganda betrieb, wovon die Babelsberg-Produktionen zwischen 1933 und 1945 Zeugnis ablegen, entstanden hier gleichwohl auch eine Reihe derartiger Filme. Dazu gehörten Produktionen wie "Hitlerjunge Quex" (1933) und "Junge Adler" (1943/44), in denen die Hitlerjugend gefeiert wurde, das Durchhaltedrama "Kolberg" (1943/45) als Loblied der völkisch-nationalistischen Opferbereitschaft, hurrapatriotische Kriegsfilme wie Karl Ritters "Stukas" (1940/1941), der mit Unterstützung der Luftwaffe entstand, der antisemitische Propagandafilm "Jud Süß" (1940) und die völkisch-rassistische und anti-britische Kolonialphantasie "Germanin" (1942/43).

So gehörten die Ufa und das Studiogelände Babelsberg auf unterschiedlichste Weise zum NS-Staat – auf der gesellschaftlichen, arbeitsrechtlichen, politischen, personellen, materiellen und ideologischen Ebene wie auch rein ökonomisch. Im März 1937 ging die Ufa komplett in Reichsbesitz über. Zunächst behielt das Studio zwar seinen Namen, um weiterhin den Eindruck zu erwecken, es handele sich dabei um eine unabhängige private Produktionsfirma. Im Januar 1942 jedoch wurde diese Strategie endgültig aufgegeben und alle staatlichen Filmfirmen offiziell zu einem einzigen Konzern, der Ufa-Film GmbH, genannt UFI, vereint.

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