Die Ära der DEFA - Babelsberg zwischen Politik und Kunst

Titel

Die Ära der DEFA - Babelsberg zwischen Politik und Kunst

Als die sowjetischen Panzer am 24. April 1945 das 430.000 Quadratmeter große Gelände der ehemaligen Ufa besetzten, bot sich ihnen ein Bild der Zerstörung. Das Gebiet wurde nur durch einen einfachen Holzzaun begrenzt, welcher keinen Schutz vor Plünderungen bot. Das Außengelände war verwildert und mit ausgeraubten Gebäuden übersät. Die Innenräume der Synchron- und Musikateliers waren nach dem Kriegsende vollständig demoliert.

Während der Potsdamer Konferenz im Juli und August 1945 diente das Areal den militärischen Begleitkommandos der Westalliierten als ausgelagerte Basis. Zeitgleich entstanden wieder die ersten filmischen Arbeiten; die Synchronisation sowjetischer Filme. Dafür wurde die ehemalige Gaststätte "Schützenhaus" genutzt.  Am 10. August 1945 fand die Premiere des Films "Iwan der Schreckliche" statt. Er war der erste deutsch synchronisierte Film nach dem Kriegsende in Berlin. Die Motivation, die Filmarbeit wieder aufzunehmen, war trotz der widrigen Umstände deutlich spürbar.

Quelle: DIF
Kurt Maetzig

Die sowjetische Nutzung des zukünftigen DEFA-Areals
Im Oktober 1945 bewilligte der sowjetische Regierungschef Josef Stalin dem Oberkommandierenden der sowjetischen Besatzungsgruppe, Marschall Shukow, die Gründung einer deutsch-sowjetischen Aktiengesellschaft zur Produktion von Filmen. Die Vorbereitungen zur Gründung der Deutschen Film AG, kurz DEFA, begannen. Parallel wurde die Arbeitsgruppe "Filmaktiv" gegründet, welche die Wiederaufnahme der Arbeit plante. Mitglieder waren der Regisseur Kurt Maetzig, der Kameramann Werner Krien, Produktionsleiter Alfred Lindemann, die Szenografen Willy Schiller und Carl Haacker sowie die Darsteller Adolf Fischer und Hans Klering. Im Dezember 1945 begannen die ersten Aufnahmen für den geplanten Spielfilm "Kolonne Strupp". Er wurde in einem Berliner U-Bahn-Tunnel unter der Spree gedreht, jedoch nie vollständig realisiert. Kurt Maetzig leitete die Filmarbeiten des ersten DEFA-Dokumentarfilms "Einheit SPD-KPD".

Der Gruppe "Filmaktiv" wurde das Althoff-Atelier in Potsdam als ihr erster eigener Arbeitsraum zur Verfügung gestellt. Die ehemaligen Ufa-Studios in Babelsberg waren von der sowjetischen Verwaltung in Beschlag genommen. Die Vorbereitungen zum Aufbau einer Filmfirma waren im Mai 1946 abgeschlossen und die Gründung der Deutschen Film A.G. (DEFA) wurde gefeiert. Ein Jahr später begannen intensive Aufräum- und Aufbauarbeiten, die dazu führten, dass ab Januar 1948 in Babelsberg wieder gedreht werden konnte. Die DEFA galt dabei als Produzentin; die Immobilien und Ausrüstung gehörten jedoch der sowjetischen Aktiengesellschaft LINSA. Die endgültige Übergabe der Filmbetriebe an die DDR vollzog sich im Juli 1950.

Künstlerische Arbeitsgruppen im Studio für Spielfilme
Der Wunsch, die zentrale Organisationsform aufzulösen und künstlerische Arbeitsgruppen zu bilden, begleitete die DEFA von Anfang an, denn der Anspruch künstlerischer Selbstständigkeit wuchs stetig. Bereits 1952 trat Regisseur Kurt Maetzig für eigenständig arbeitende Produktionsgruppen ein. Aus künstlerischer Sicht wurden insbesondere die festen Strukturen des Entscheidungssystems kritisiert. Ein vielstufiger Prozess lenkte die Entscheidung, ob ein Drehbuch den zu erfüllenden ideologischen Vorgaben entsprach, durch fünf unterschiedliche Dienststellen. Ausgehend vom Dramaturgen wurde das Filmmanuskript dem Dramaturgenleiter überreicht. Von dort wurde es an die Szenarienkommission gegeben, bevor sich dann der Studioleiter mit der Thematik auseinandersetzte. Die letzte Instanz bildete die Hauptverwaltung Film im Ministerium für Kultur, mit deren Entscheidung der Prozess schließlich abgeschlossen war.

Quelle: FMP, SDK, © DEFA-Stiftung
"Der geteilte Himmel": Renate Blume

Die Gründung der Arbeitsgruppen
"Die Zeit ist reif" – mit diesem Artikel forderte Kurt Maetzig Ende 1956 das Zusammenfinden von Herstellungsgruppen sowie die Demokratisierung des gesamten Filmwesens. Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppen aus Filmregisseuren, Autoren und anderen Filmkünstlern sollte dem Wunsch nach wirtschaftlicher und künstlerischer Selbstständigkeit wahr werden lassen. Die Kulturpolitik sollte Vorschläge machen und Empfehlungen aussprechen, die Entscheidungskraft hingegen bei der Kunst liegen. Zwischen 1959 und 1961 vollzog sich die Gründung der künstlerischen Arbeitsgruppen, die Strukturen orientierten sich am polnischen, tschechischen und sowjetischen Vorbild. 1959 wurde die Organisationsform der künstlerischen Arbeitsgruppen in sowjetischen Studios studiert und die Erkenntnisse von der Studioleitung auf die Bedingungen des DEFA-Spielfilmstudios hin konkretisiert und anerkannt. Der Antrieb zur Gründung ging von den Regisseuren aus.

Der Arbeitsprozess
Sieben künstlerische Arbeitsgruppen existierten beim DEFA-Spielfilmstudio. Diese nannten sich "Roter Kreis" (Leitung: Kurt Maetzig), "Heinrich Greif" (Leitung: Konrad Wolf), "Solidarität" (Leitung: Adolf Fischer), "Berlin" (Leitung: Slatan Dudow), "Gruppe 60" (Leitung: Alexander Löscher), "Konkret" (ab 1961, Leitung: Anni von Ziethen) und "Stacheltier" (Leitung: Rudi Hannemann). Die kleinen Dramaturgengruppen waren für die Stoffentwicklung verantwortlich, so dass sich das Mitspracherecht teilweise auf die Filmschaffenden verlagerte. Die Hauptaufgabe der Arbeitsgruppen lag in der Realisierung einer sozialistischen Filmkunst, deren Themen vom Ministerium für Kultur eine Zustimmung erfahren mussten. Aus dem Versuch, die Menge der Instanzen für den Entscheidungsprozess zu reduzieren, wurde nichts. Die Drehbücher bewegten sich weiterhin vom Chefdramaturgen zum Studiodirektor, zur Produktionsfreigabe und rückversichernd zur Hauptverwaltung Film.
Dieser Zustand wurde von Walter Ulbricht, dem Ersten Sekretär des Zentralkomitees der SED, kritisiert, er forderte "die Zahl der Instanzen um die Hälfte zu verkleinern, den Apparat zu vereinfachen und Schluss zu machen mit dem Hin- und Herschieben von Verantwortung." Ab 1965 konnten die künstlerischen Arbeitsgruppen mit wirtschaftlicher Verantwortung arbeiten.

Eine beständige Auslastung der Studios, sowie eine gleichbleibende Anzahl von Filmproduktionen und die damit verbundene ökonomische Effizienz konnten jedoch nicht garantiert werden. 1966 erfolgte die Auflösung der bisherigen Arbeitsgruppen als selbstständige Produktionsgruppen, die 1967 auf vier Gruppen reduziert wurden. Die Filmproduktion wurde fortan zentral gelenkt, da die produzierten Filme dem erwünschtem Anspruch nicht gerecht werden konnten. Die Möglichkeit, formale Experimente einzugehen, wurde durch diesen politischen Vorrang eingeengt. Namentlich blieben die künstlerischen Arbeitsgruppen bis 1989 bestehen, die künstlerische Selbstständigkeit wurde jedoch stark eingedämmt. Die Hauptverwaltung Film übernahm die leitenden Aufgaben als entscheidungstragendes Organ.

Quelle: DIF, © DEFA-Stiftung
"Der Kinnhaken": Manfred Krug

Der Einfluss der Mauer
Zu Beginn der 1950er Jahre fand eine große Umstrukturierung in der Filmlandschaft der DDR statt. Mit der Gliederung in Volkseigene Betriebe (VEB) stellte die DEFA die einzige Produktionsfirma dar und unterlag nicht privatwirtschaftlichen Interessen wie beispielsweise Firmen in Westdeutschland, sondern allein dem Ministerium für Kultur. Liberale Anfänge in der Kunstentfaltung mit internationalem Charakter wurden durch Stars wie Henny Porten in "Carola Lamberti – Eine vom Zirkus" oder Jean Gabin in der französischen Koproduktion "Die Elenden" sichtbar. Dabei wurden vielseitige Themen, stilistische Wechsel und Experimente der Autoren und Regisseure zunehmend durch die Gratwanderung zwischen repressivem Eingreifen der Parteiführung und kontrollierten Zugeständnissen eingeschränkt. Vorgegebene programmatische Ausrichtungen des staatlichen Geldgebers sollten in künstlerische Ideen umgewandelt werden, womit wenig Freiraum zur Entfaltung blieb.

Eine Konsequenz war, dass viele Künstler in den Westen gingen, so auch Falk Harnack, der nach dem Verbot seines Films "Das Beil von Wandsbek" 1951 der DEFA den Rücken kehrte. Auch das starke Währungsgefälle führte bereits vor dem Bau der Mauer 1961 zur Abwanderung im Grenzgebiet. Westdeutsche Produktionsfirmen lockten mit finanziellen Angeboten und größerem künstlerischen Freiraum. Der Film "Der Kinnhaken" mit Manfred Krug behandelt diese problematische Situation.
Der Bau der Mauer, nur wenige Meter vom Filmstudio Babelsberg entfernt, bewirkte eine Isolierung, die zugleich auch Hoffnung bedeutete – Hoffnung, dass sich die gespannte Stimmung beruhigen würde. Die Filmemacher begannen, sich mit persönlichen Lebensproblemen in Form von Gegenwartsfilmen wie 1964 "Der geteilte Himmel" von Konrad Wolf zu beschäftigen. Trotzdem bedeutete die Abschottung einen großen Eingriff in die Kunstentwicklung und die DEFA verlor viele erfahrene Mitarbeiter. Angestellte, die ihren Wohnsitz in Westberlin hatten, wurden vor die Wahl gestellt, umzuziehen oder – wie im Fall der Dramaturgin Marieluise Steinhauer – zu gehen. Erschwerend kam hinzu, dass der Verlauf der Mauer Babelsberg vom Zentrum Berlins abschnitt und auch die Berliner S-Bahn-Anbindung nach Griebnitzsee verloren ging. Um die Studios nun zu erreichen, musste Westberlin umfahren werden. Daraus resultierte ein zeitraubender Umweg für jene Mitarbeiter, die in Ostberlin wohnten. Die Abwanderung in den Westen und die problematische Situation nach dem Bau der Mauer sollte sich anhaltend nachteilig auf die DEFA-Produktionen auswirken.

Quelle: BArch, FMD, FMP, © DEFA-Stiftung
"Das Kaninchen bin ich": Szene mit Irma Münch (links), Angelika Waller (rechts)

Verbote
Die kurze Phase der Hoffnung auf mehr Freiheit, genährt durch den 6. Parteitag 1963 und die Entscheidung, die Wirtschaftspolitik mehr nach dem materiellen Nutzen auszurichten, wurde abermals mit zunehmender Kontrolle entkräftet. Der Erfolg des kontrovers diskutierten Films "Der geteilte Himmel" von Konrad Wolf hatte den Filmschaffenden Mut gemacht, sich auch schwieriger Gegenwartsthemen anzunehmen. Fast ausnahmslos befassten sich die Werke 1965 mit dem gegenwärtigen Leben in der DDR der 1960er Jahre, wie Frank Beyers Film "Spur der Steine" mit Manfred Krug. Diesen Filmen gelang es, auf unterhaltsame Weise gesellschaftliche Widersprüche darzustellen, jedoch wurden sie oft von der Parteiführung als "politisch falsch" eingestuft und als Gefährdung für den sozialistischen Staat angesehen.

Die Tagung des 11. Plenums des ZK der SED im Dezember 1965 wurde zur Abrechnung für kritische Kunst- und Filmschaffende. "Das Kaninchen bin ich" von Kurt Maetzig und "Denk bloß nicht ich heule" von Frank Vogel wurden zu besonders abschreckenden Beispielen für falschen Liberalismus, Pessimismus und Skeptizismus erklärt. Die Arbeitsmoral und die Disziplin vieler Studenten litt, laut späterem SED-Funktionär Erich Honecker, unter dem negativen Einfluss dieser Filme. Als Folge des Plenums wurden alle abgedrehten und im Drehprozess befindlichen Spielfilme des Jahres nochmals überprüft und zwölf von ihnen verboten. Verantwortliche wurden von ihren Ämtern entbunden oder aus dem Studio entfernt. Gegenwartsfilme zu drehen schien nun nicht mehr möglich, die Basis des populären Kinos ging verloren und das stilistische Spektrum der DEFA wurde enger.

Quelle: DIF, © DEFA-Stiftung
"Der Dritte": Jutta Hoffmann, Barbara Dittus (v.l.n.r.)

Ein kleiner Schimmer von Zuversicht auf bessere Zeiten und eine Liberalisierung der Kulturpolitik kam 1971 mit der Ablösung Walter Ulbrichts durch Erich Honecker auf. Mit filmpolitischen Öffnungen wie beispielsweise einzelnen Duldungen bereits verbotener Filme sollte wieder Vertrauen zwischen Partei und Filmemacher geschaffen werden. Doch die Gegenwart und die Teilung Deutschlands standen nur noch selten im Fokus der Produktionen und bedeuteten eine regelrechte Tabuzone. Erneute Eingriffe von der SED musste vor allem der Regisseur Egon Günther ertragen, der 1971 mit seinem Werk "Der Dritte" über die Rolle der Frau in der DDR mit Jutta Hoffmann einen Film schuf, dem mit Schnitten, Korrekturen und einem späteren Verbot begegnet wurde.

Durch das repressive Vorgehen in der Biermann-Affäre, der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976, entfernten sich die Partei und die ausübenden Künstler weiter voneinander. Filmkünstler bekamen Probleme bei der DEFA oder gingen wie Egon Günther in den Westen. Die Resignation in Babelsberg zog sich bis in die 1980er Jahre und den Mauerfall.

 

DVD-Tipp: Einheit SPD-KPD

Nachricht: Große DEFA-Retrospektive in New York

Weitere Materialien:

Gespräch mit Manfred Krug

Kurt Maetzig über die Ufa- Tradition die DEFA- Gründung

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