Hans Lehmann: Die Kinematographie. Ihre Grundlagen und ihre Anwendungen (1919, 2. Auflage)

Quelle: Jeanpaul Goergen
Buchcover

Als Nr. 358 der Reihe "Aus Natur und Geisteswelt. Sammlung wissenschaftlicher-gemeinverständlicher Darstellung" erschien 1911 das Werk "Die Kinematographie. Ihre Grundlagen und ihre Anwendungen" von Dr. H]ans] Lehmann.  Zum ersten Male, so das Vorwort, werde die Kinematographie "für einen weiteren Leserkreis als philosophisches und psychologisches Problem behandelt."

Nach dem Tod von Hans Lehmann 1917 besorgte Dr. Willy Merté 1919 die zweite Auflage. Laut seinem auf Februar 1918 datierten Vorwort sei es darum gegangen, "die Darstellung der Kinematographie dem heutigen Stand der Wissenschaft und Technik anzupassen, wo es wünschenswert erschien, zweckentsprechender zu gestalten und auf gewisse Gebiete der Kinematographie neu auszudehnen" (S. 3). Um Platz einzusparen, habe er etwa "die Systematik der Erfindungen, die eingehende Besprechung der stereoskopischen Kinematographie" und die detaillierte Beschreibung der physiologischen Grundlagen der filmischen Wahrnehmung entfernt, gekürzt oder umgeschrieben.

Hinzugekommen ist die Vorstellung neuer Apparate; erweitert wurde das Kapitel über die Anwendungsgebiete in Wissenschaft und Technik. "Auf Wunsch des Verlags" fügte Merté zudem zwei neue Kapitel über die Bedeutung des Films für Unterhaltung und Belehrung, Kinoreform und Kinoindustrie ein. Auch die Bildauswahl wurde ergänzt, so dass die zweite Auflage von 1919 nun 68, dem Taschenbuchformat des "Bändchens" entsprechend überwiegend kleinformatige Abbildungen enthält.

Wie bei der 1919 erschienenen 6. Auflage von Paul Liesegangs "Handbuch der praktischen Kinematographie" lohnt sich auch hier ein detaillierter Vergleich der verschiedenen Ausgaben. Das erste Kapitel enthält einen historischen Überblick über Prinzip und Wirkungsweise der Kinematographie vom Lebensrad und der Wundertrommel hin zu Eadweard Muybridge, Étienne-Jules Marey und Ottomar Anschütz; die Brüder Auguste und Louis Lumière werden nicht erwähnt. Die folgenden Kapitel beschreiben die psychologischen und physiologischen Grundlagen der Filmwahrnehmung sowie die technischen Grundlagen der Kinematographie. 

Das vierte Kapitel informiert über die Kinematographie als Hilfsmittel in Wissenschaft und Technik wie Zeitraffer, Zeitlupe, Röntgenkinematographie und mikroskopische Aufnahmen. Auf dem Feld der Bewegungsstudien habe bahnbrechend Prof. Marey gewirkt, für die Autoren "der eigentliche Begründer der modernen Kinematographie." (S. 71) Nur kurz gehen sie auf die Bedeutung von Filmaufnahmen für das Studium der bildenden Künstler ein. Ausführlicher beschreiben sie den Einsatz des Kinematographen in der Ballistik und der Analyse von Geschosswirkungen.

Das folgende Kapitel stellt den Film in den Bereichen Unterhaltung und Belehrung vor. Das Kino bezeichnen Lehmann/Merté als "Theater der Unbemittelten", da dessen Besuch "wohlfeil und am wenigsten zeitraubend" sei (S. 93). Sie erklären auch, wie fotografische Trickaufnahmen entstehen und beschreiben die synchrone Koppelung von Kinoprojektor und Grammophon zu einem Tonbild.

In dem Abschnitt über die Bedeutung des Kinos während des Weltkriegs erwähnen sie Filme über die Schlachten bei Trafalgar (vermutlich "Battle of Trafalgar", USA 1912) und Waterloo (vermutlich "Die Schlacht von Waterloo", D 1915), die im Kino "lebendige Wirklichkeit" werden. Für die im Krieg befindlichen Truppen böten "Fronttheater ein paar Stunden der Unterhaltung und Zerstreuung" (S. 97).

Überwiegend bedeute der Film aber "eine schwere Gefahr für Kultur und Gesittung des Volkes". Mit diesem Satz wird die Argumentation der Kinoreformer auf den Punkt gebracht: "Der skrupellose Erwerbssinn der Unternehmer hat diese wundervolle Erfindung der Technik, die bei richtiger Anwendung eines der hervorragendsten Erziehungsmittel des Volkes sein könnte, zur Erweckung der gemeinen Instinkte der Massen missbraucht". Zwar zeigten die Kinos gelegentlich Naturaufnahmen und belehrende Filme, deren "erzieherischer Wert" sei allerdings gering, insbesondere dann, wenn sie in einem Nummernprogramm zwischen einem Sensationsdrama und einer Humoreske liefen (S. 98). 
Weder die Zensur noch das Engagement von Vereinigungen, Maßnahmen von Staat und Gemeinden (etwa über die Kinosteuer) sowie besondere Kindervorführungen hätten bisher zu einer Besserung geführt. Sehr optimistisch berichten die Autoren über den Einsatz von Film in Volks- und Mittelschulen, allerdings beschränkten sich diese wohl auf besondere Schülervorstellungen in einem örtlichen Kino. Realistischer dürfte der Hinweis sein, dass einige Schulen "Lichtbildzimmer für Lehrzwecke" eingerichtet haben.  

Im sechsten und letzten Kapitel gehen die Autoren kurz auf den Stand der Kinoindustrie ein, ohne neuere Zahlen vorzulegen. Immerhin erfahren wir, dass der Film "Atlantis" (DK 1912, R: August Blom) 800.000 Mark gekostet habe und Asta Nielsen für ihr Auftreten in zehn Dramen über einen Zeitraum von fünf Monaten mit 85.000 Mark entlohnt wurde. 

Das knapp gehaltene Literaturverzeichnis weist nur jene 21 Veröffentlichungen nach, die auch im Text zitiert werden. Das "Handbuch der praktischen Kinematographie" von Paul Liesegang wird unter "nicht zitiert, aber empfehlenswert" gelistet. Einige Passagen aus dem Büchlein von Lehmann/Merté lesen sich wie Zusammenfassungen aus diesem Standardwerk. Auf ein Sach- und Personenregister wurde verzichtet.

Hans Lehmann (1875-1917) war optischer Physiker bei Carl Zeiss in Jena und leitete ab 1911 die wissenschaftliche Abteilung bei den E. Ernemann-Werken AG in Dresden, wo er an der Zeitlupe arbeitete. Der Physiker und Linsenkonstrukteur Willy Merté (1889-1948) war bei Carl Zeiss Jena mit der Entwicklung photographische Objektive betraut.

(Jeanpaul Goergen, Januar 2025) 

H[ans] Lehmann: Die Kinematographie. Ihre Grundlagen und ihre Anwendungen. Leipzig und Berlin: G.B. Teubner 1919. 2. Auflage 1919, besorgt von Dr. W[illy] Merté [= Aus Natur und Geisteswelt: Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen; 358] 104 Seiten, 68 Abb.
Traub/Lavies: 1041/1042
dnb: https://d-nb.info/580532380