Babelsberg als Attraktion

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Babelsberg als Attraktion

Die Filmstudios in Babelsberg gelten als eine Attraktion für ein breites Publikum, die von je her Fachleute und Fans angezogen hat. Auf dem Gelände in Babelsberg wurden und werden Interessierte mit einer Welt konfrontiert, die für sie zumeist fremd und realitätsfern sein mag, so nah sie ihnen auf der Leinwand auch kommt. Produktion und Rezeption begegnen sich während der Führung durch die Studios und rücken den Film als Gesamtwerk in ein anderes, neues Licht.

Nach dem ersten Weltkrieg und mit steigendem Erfolg des Films als Kunstform und der Filmfabrik Babelsberg im Besonderen wurden auch die Studios selbst zunehmend zum Anziehungspunkt öffentlichen Interesses. Größe, Ausstattung, Stars und die besondere Aura der Produktion verliehen den Studios den Status einer eigenen Attraktion. Indem sie die Tore der Studios für ausgewählte Besucher öffnete, wusste sich die Ufa die Neugier der Öffentlichkeit gezielt für PR-Zwecke zunutze zu machen.

So wurden Filmschaffende, Stars, nationale und internationale Größen der Politik und Pressevertreter regelmäßig zu Führungen durch die Studios eingeladen. Journalisten der Tages- und Fachpresse durften die Dreharbeiten besonders beeindruckender Szenen beobachten – mit der Erwartung, dass sie ihre Begeisterung an die Öffentlichkeit weiter tragen und dem Studio so kostenlose Werbung verschaffen würden. Für Vertreter der Regierung gab es Rundgänge, in deren Anschluss für enge Beziehungen zwischen Staat und Filmproduktion geworben wurde. Dadurch erhoffte man sich, Einfluss auf gesetzliche Bestimmungen zu auszuüben und diese dauerhaft zu lockern. Auch internationale Stars wurden mit Führungen umworben – natürlich stets in Anwesenheit der Presse, die über solche Ereignisse berichtete und wohlwollende Kommentare der Gäste gern abdruckte.

Hatte man die Besucherpolitik zunächst noch frei gehandhabt, wurde nach der Übernahme durch den Hugenberg-Konzern im Jahre 1927 die gezielte Instrumentalisierung der Öffentlichkeitswirkung von Babelsberg offensichtlich. Festgelegte Ziele und Richtlinien, die den Besucherstrom regeln sollten, gab es jedoch erst ab 1930. Zum einen waren diese notwendig geworden, da es durch den steigenden Besucherandrang immer häufiger zu erheblichen Störungen des Produktionsablaufes kam. Zum anderen war es auf diese Weise möglich, durch gezielte Auswahl der Besucher die öffentliche Wahrnehmung der Ufa zu beeinflussen und den Studios als Produktionsstätte des deutschen Films internationale Beachtung zu verschaffen.

Für den Besucher wurden Führungen und Programm individuell zugeschnitten, sodass sie die jeweiligen Interessen, Ansprüche und Erwartungen bedienten. Ein durchweg positiver Pressespiegel voller Begeisterung war erwünscht. Die Wahrnehmung der Studios durch ihre Besucher konnte, trotz aller Faszination, aber durchaus verschieden ausfallen – besonders, da die recht junge Kunst- und Unterhaltungsform Film zu diesem Zeitpunkt noch nicht gänzlich etabliert war. In Siegfried Kracauers frühem Bericht über die Studiobauten von Babelsberg, "Kaliko-Welt" von 1926, zeigte sich sowohl die Faszination für die "garantiert[e] Unnatur", als auch eine neue Art der kritischen Auseinandersetzung mit dem filmischen Handwerk und seinen Effekten.

Im Jahr 1936 ging die Ufa erstmals darüber hinaus, lediglich bestehende Produktionsstätten und -abläufe für ihre PR-Zwecke zu nutzen. In diesem Jahr wurde die zu dieser Zeit einmalige Ufa-Lehrschau eröffnet: Die Weiterentwicklung einer Ausstellung aus dem Frühjahr 1935 anlässlich des internationalen Filmkongress' in Berlin. Zwar war der Auftrag der Lehrschau vorwiegend die Ausbildung einer neuen Generation von Filmschaffenden, doch war ihre Öffentlichkeitswirkung von Beginn an mitgedacht. In einer mehrteiligen Ausstellung, einer themenübergreifenden Bibliothek und verschiedenen Sammlungen sollten die Produktionsabläufe sowie die technischen und künstlerischen Hintergründe der Filmarbeit vermittelt werden. Zu den Besuchern zählten vor allem Studenten und Auszubildende, Filmschaffende und Künstler, zudem Vertreter aus Politik, Presse und Wirtschaft. Gerade das NS-Regime war an der Filmproduktion in Babelsberg und den propagandistischen Möglichkeiten des Films besonders interessiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Lehrschau aufgelöst.

Auf diese Weise haben die Studios Babelsberg bereits in den ersten Jahrzehnten ihr Potential als Attraktion bewusst genutzt und eingesetzt – zunächst durch Verwertung schon vorhandener Ressourcen, dann durch die Eröffnung einer Bildungseinrichtung, die gezielt für Besucher ausgelegt war. Doch erst in den frühen 1990er Jahren brachte man dies auf eine weitere Ebene: Durch die Eröffnung des Filmparks Babelsberg. Dieser zielte nun ganz direkt auf die Unterhaltung der Besucher ab – von der tatsächlichen Filmproduktion in den Studios größtenteils separiert. Wo in früheren Jahren noch die Original-Filmsets besichtigt werden konnten, wird dem Publikum heutzutage eine Kopie präsentiert, die im Stil eines Freizeitparks gestaltet ist. Die Kostüm-Ateliers, Stuntshows, Fahrgeschäfte und Kulissenstädte sind nun zum ersten Mal auf das größtmögliche Publikum zugeschnitten. Einblicke in die Studios und die Dreharbeiten der großen Filme bleiben aber, anders als in den frühen Jahren, verwehrt.

Damals wie heute sind die Filmstudios Babelsberg also um ihre Außenwirkung als deutsche Filmproduktionsstätte bemüht. Und während sich mit zunehmender Etablierung des Films als Unterhaltungsform Zielgruppe und Öffnungsgrad verschoben, haben die Studios eines aber unbestritten beibehalten: Ihren Status als Attraktion.

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