Die DEFA-Kinderfilme

Titel

Die DEFA-Kinderfilme

Eine Litfasssäule mitten auf dem Marktplatz wird zu einem sicheren Versteck, ein neunjähriger weißer Junge wächst bei einem Indianerstamm auf, mit einer magischen weißen Muschel kommt das Glück, ein kleines Kind verzaubert mit einer Flöte eine Katze, und im alten Orient macht sich ein Junge auf eine Reise – dies und mehr gehört zu den Geschichten der DEFA-Kinderfilme und wirkt bis heute in jenen nach, die mit ihnen aufgewachsen sind.

Der Produktion von Spielfilmen wurde in der sowjetischen Besatzungszone früh besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung zuteil; mithilfe des Mediums Film sollte die deutsche Bevölkerung im antifaschistischen und demokratischen Geiste erzogen werden. Die DEFA gliederte sich 1952 in vier Produktionsbereiche, eine davon bildete die Kinderfilmabteilung, die 1953 mit der Produktion begann. Ein Fünftel der gesamten Kinofilmproduktion war dem Kinderfilm vorbehalten, der somit von Beginn an ein wichtiger Bestandteil der Studios war. Der Wunsch der Kreativen, auch hier die Widersprüche im gesellschaftlichen Leben mit zu verhandeln, war noch schwieriger zu realisieren, da auch das Ministerium für Volksbildung eine wichtige Rolle im Beurteilungsverfahren spielte. Dabei wurde der Kinderfilm der DDR in unterschiedliche Genres aufgeteilt, von denen der Märchenfilm und der Gegenwartsfilm die zwei Schwerpunkte markierten.

Quelle: DIF, © DEFA-Stiftung
"Die Geschichte vom kleinen Muck": Thomas Schmidt, Trude Hesterberg

Der Märchenfilm
Auch wenn die beiden Produktionen, "Das kalte Herz" (1950) von Paul Verhoeven und Wolfgang Staudtes "Die Geschichte vom kleinen Muck"(1953) sich nicht ausschließlich an ein junges Publikum richteten, so zählten sie doch zu den ersten Märchenfilmen für Kinder. Die ersten Überlegungen zu einer Verfilmung des Hauff´schen Märchens "Das kalte Herz" waren an den sowjetischen Farbfilm "Die steinerne Blume" angelehnt. Dort wurde mithilfe von Tricktechnik und der Möglichkeit des Farbfilms eine wundervolle Erlebniswelt kreiert. Für die Produktion engagierte man den Kameramann Bruno Mondi aufgrund seiner einschlägigen Erfahrungen mit dem Farbfilm. In einem kleinen Labor unternahm Mondi verschiedene Versuche, um eine genaue Vorarbeit für die Beleuchtung zu leisten. Anstrengungen wie diese führten zu einer hohen Produktionsqualität, die in der Geschichte der DEFA-Kinderfilme auch künftig realisiert werden sollte. Einen weiteren wichtigen Aspekt für den Erfolg von "Das kalte Herz" bildete die kreative Arbeit der Abteilung Tricktechnik unter der Leitung von Ernst Kunstmann. Diese war elementar für die phantasievolle Gestaltung und das phantastische Moment nicht nur dieses Films und mit ausschlaggebend für den internationalen Erfolg.

Die zweite DEFA-Märchenadaption des Babelsberger Studios war 1953 "Die Geschichte vom kleinen Muck" unter der Regie von Wolfgang Staudte. Durch die enge Zusammenarbeit von Architekten, Szenenbildnern, Darstellern, Dramaturgen und der Regie gelang ein Märchenfilm, der bis heute sowohl Kinder als auch Erwachsene begeistert. Weiterhin dienten der Kinderfilmabteilung Volksmärchen wie auch die so genannten Kunstmärchen als Vorlage.

In den 1950er Jahren galten indes unbearbeitete Märchen unter pädagogischen Gesichtspunkten als unzureichend. Besonders die Geschichten der Brüder Grimm wurden umgedeutet, um dem erzieherischen Anspruch in der DDR zu genügen. Die Verfilmungen "Das tapfere Schneiderlein" (1956) von Helmut Spieß und "Der Teufel vom Mühlenberg" (1955) von Herbert Ballmann rückten die ideologischen Vorstellungen deutlicher in den Vordergrund. In den 1970er Jahren kam es mit einer jungen Regie-Generation zu einer neuen Entwicklung. Die Produktionen zeichneten sich durch einen freieren Umgang mit den Märcheninhalten aus. Regisseure wie Rainer Simon bezogen die Phantasie der Protagonisten stark mit ein und durchbrachen somit die bis dahin vorherrschenden Normen. Dies wird besonders in Filmen wie Simons "Wie heiratet man einen König" (1969) und "Sechse kommen durch die Welt" (1972) sowie Hans Kratzerts "Hans Röckle und der Teufel" (1974) deutlich. Die späteren deutsch-tschechoslowakischen Koproduktionen wie zum Beispiel "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" (1974) und "Der Katzenprinz" (1979) verhalfen dem DEFA-Märchenfilm zu anhaltend großer Anerkennung und zahlreichen Fans bis heute.

Quelle: DIF, © DEFA-Stiftung
Szene aus "Sabine Kleist, 7 Jahre"

Der Gegenwartsfilm
Die Auseinandersetzung mit gegenwartsbezogenen Themen stellte in der Kinderfilmproduktion eine weitere wichtige Orientierung dar. "Die Störenfriede" (1953) war die erste dieser Kinderfilmproduktionen, die im Kino gezeigt wurden. Die am Alltag orientierten Geschichten fanden beim Publikum großen Anklang. In den 1950er und 1960er Jahren erfüllten die Filmemacher mit ihrer Themenwahl deutlich den erzieherischen Auftrag, Filme wie Gerhard Kleins "Alarm im Zirkus" (1954) und Heiner Carows "Sheriff Teddy" (1957) thematisierten z.B. den Ost-West-Konflikt.

Gleichwohl versuchten die Filmemacher neben den Vorgaben auch andere Perspektiven in die Produktionen einfließen zu lassen, wobei die unterschiedlichen Einbindungen phantastischer Elemente eine zentrale Rolle spielte. Ab Mitte der 1960er Jahre trat dies immer stärker in den Vordergrund. Der Regisseur Rolf Losansky verschränkte in seinen Filmen Träume und Gegenwart und führte die Themenentwicklung in den nächsten Jahren immer mehr in diese Richtung – in "Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen" von 1964 wurde die Phantasie in eine zweite Ebene integriert, in der sich die Protagonisten zurückziehen konnten, um Lösungen für Konflikte zu finden. Später wurden die Phantasie nicht nur über Träume Teil der Filmerzählungen, sondern fester Bestandteil der Handlung, was das Kinderpublikum zum Ausleben ihrer Kreativität anregte. Ein gutes Beispiel dieser Tendenz ist "Philipp der Kleine" (1976), dessen Titelfigur sich im Alltagsleben des Zaubers einer Flöte bedient.

In den 1980er Jahren veränderte sich auch die Auswahl der Helden. Es traten immer mehr Mädchen in den Mittelpunkt der Handlung. Filme wie "Die dicke Tilla" (1982), "Taubenjule" (1983) und "Sabine Kleist, 7 Jahre" (1982) ließen nun auch Heldinnen selbstbewusster und eigenständiger auftreten. Die Filme thematisierten weiterhin Probleme des Alltags wie zum Beispiel allein erziehende Eltern, Alkoholismus und Wohnverhältnisse in Plattenbausiedlungen. Kooperationen mit Fachleuten der Jugendforschung und Psychologie unterstrichen die Ernsthaftigkeit, mit der die Filmemacher sich dem Genre des Gegenwartsfilms widmeten.

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