Die 1990er Jahre

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Die 1990er Jahre

Globalisierung wurde in den 1990er Jahren zu einem omnipräsenten, schillernden Begriff für ökonomische, politische wie gesellschaftliche Entwicklungen, und eine spezielle Form dieser Globalisierung erfasste auch die Filmtheaterbranche. Schon seit Jahrzehnten dominierte das Hollywood-Kino das Filmangebot in Deutschland und Europa, nun aber betraf die Internationalisierung auch die Filmtheater selbst. Milliarden, die ausländische Investoren in neue Filmtheater pumpten, sollten den deutschen Markt aufrollen.

Drang zur Größe

Quelle: DIF
Ein Multiplex der Kinopolis-Kette
 

Multiplex nannte sich der neue Kinocentertyp, mit dem die immer größer werdenden Ketten den Verdrängungswettbewerb gegen die etablierte Konkurrenz – und schließlich untereinander – führten und das Ende einer durch den Mittelstand geprägten Kinolandschaft einläuteten. Die Besucher stimmten mit den Füßen über die Multiplexe ab, die sich in den USA und Großbritannien bereits als höchst erfolgreich erwiesen hatten. Aber auch eingesessene deutsche Unternehmer hatten die Zeichen der Zeit erkannt. Nachdem der US-amerikanische Kinobetreiber UCI (United Cinemas International) in Hürth bei Köln 1990 das erste der großzügig konzipierten Multiplex-Kinocenter errichtet hatte, zog Hans-Joachim Flebbe nach, der sich in den 1970er und 1980er Jahren für ein luxuriöses Kinoerlebnis stark gemacht und die Gegenbewegung gegen die Riech'schen Schachtelkinos angeführt hatte. Im März 1991 eröffnete das erste Cinemaxx der Flebbe-Kette – und das nicht auf der "grünen Wiese", sondern mitten in Hannover. Mochten die Multiplexe in der Provinz stark von zusätzlichen Besuchern leben, die erst durch das neue Angebot wieder vom Kino angezogen wurden: Multiplexe in den Innenstädten gruben vielen etablierten Betrieben das Wasser ab.

Luxus siegt

Quelle: DIF
Ungehinderter Blick auf eine große Leinwand: ein Kinosaal der 1990er Jahre
 

Die nach wie vor junge Mehrheit der Kinobesucher genoss das umfassende Freizeitangebot der Multiplexe, die nicht selten an Einkaufscenter und ähnlich orientierte öffentliche Räume angeschlossen waren. Multiplexe wollten nicht allein Kino sein, sondern Treffpunkt. Und die neuen Center boten einiges: großzügige Architektur mit Glasfassaden, weitläufige Foyers mit umfassenden Gastronomie-Angeboten, aktuelle Produktionen in acht und mehr Sälen, moderne Tonsysteme und stark ansteigende Reihen bequemer Sessel mit ungehindertem Blick auf große Leinwände. Etliche in diesem Sinne unattraktivere Filmtheater mussten schließen, und auch Investitionen in Komfort und Technik bestehender Kinos boten keine Gewähr, von der Multiplex-Konkurrenz in der Nachbarschaft nicht erdrückt zu werden. Insgesamt aber vergrößerte sich durch die neuen Kinocenter die Abspielbasis in Deutschland, und aus knapp 3.200 Leinwänden in 1990 waren 1999 mehr als 4.500 geworden. Ende der 1990er Jahre brachten es die inzwischen mehr als neunzig Multiplexe auf einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent, Tendenz steigend.In den vorangehenden Jahrzehnten – weit vor Eintritt der Multiplexe in den Markt – hatte die Sitzplatzzahl seit 1960 kontinuierlich und dramatisch abgenommen. Allein zwischen 1980 und 1990 war ein Verlust von rund 320.000 Plätzen auf den historischen Tiefststand von 610.000 Sitzplätzen zu verzeichnen. 610.000 Sitzplätze fanden sich hingegen im Jahr 1999 allein in traditionellen Kinos, bei einem gleichzeitigen Sitzplatzangebot von 234.000 Plätzen in Multiplexen. Auch die Besucherentwicklung stieg seit 1991 insgesamt an: Trotz Besucherausbaus bei den seit 1991 immer stärker am Markt vertretenen Multiplexen ist das Besuchervolumen in den 1990er Jahren höher als in den 1980er Jahren. Insofern scheinen auch die traditionellen Kinos in Teilen von dem durch die Multiplexe ausgelösten neuen "Kinogefühl" profitiert zu haben.

Einspielrekorde

Quelle: Constantin, DIF
"Werner - Beinhart!" (1990)
 

Der Konzentration in der Filmtheaterbranche entsprach eine Konzentration des Umsatzes auf eine kleinere Zahl von Filmen, Hollywood-Filmen. Auch darum hatten es in den 1990er Jahren kleine Verleiher zunehmend schwerer, sich gegen die Dominanz der US-Majors zu behaupten, die ihre Hits immer aufwändiger vermarkteten und mit noch größerer Kopienzahl als früher starteten. Ende der 1990er lag ihr Marktanteil bei mehr als siebzig Prozent. Die meist action-betonten Blockbuster, deren jeweilige Laufzeit in den Kinos immer kürzer ausfiel und die dabei immer neue Rekorde aufstellten, passten ideal in die neue Kinolandschaft. Bei schnellen Wechseln der angebotenen Filme kam es auf Blitzstarts an: Hatten in den 1980er Jahren fünf erstaufgeführte Filme mehr als sechs Millionen Besucher gehabt, schafften dies in den 1990ern 17 Filme. "Pretty Woman" (1990), "Jurassic Park" (1993), "Der König der Löwen" (1994) und "Independence Day" (1996) erreichten sogar die Neun-Millionen-Marke. Ein Film allerdings übertraf alle Rekorde: James Camerons "Titanic". Im Januar 1998 gestartet, brachte er bis Anfang 1999 mehr als 18 Millionen Besucher in deutsche Filmtheater – eine bis dahin in Jahrzehnten beispiellose Zahl.

Quelle: X-Filme Creative Pool, DIF
Franka Potente in "Lola rennt" (1998)
 

"Der bewegte Mann" (1994) hieß der mit mehr als sechs Millionen Besuchern wirtschaftlich erfolgreichste deutsche Film der 1990er, der mit Til Schweiger einen neuen deutschen Kinostar etablierte. Auch die "Werner"-Animationsfilmserie in der Nachfolge von "Werner – Beinhart!" zählte zu den deutschen Gewinnern des Jahrzehnts. Immer wieder suchten deutsche Produzenten ihr Heil in Komödien – auf dem schwindelerregenden Niveau von Hollywood-Budgets war keine Konkurrenz möglich, weswegen Regisseure wie Wolfgang Petersen und Roland Emmerich lieber in den USA arbeiteten. So behaupteten sich deutsche Filme auf dem heimischen Markt vor allem mit spezifischen Formen eines Humors, der im Inland verstanden und nachgefragt wurde, außerhalb des deutschsprachigen Raumes jedoch kaum exportfähig war. Im Gegensatz dazu zeigte zum Ende der 1990er Jahre "Lola rennt", wie eine deutsche Produktion sowohl die hiesigen Kinos füllen und gleichzeitig im Ausland Erfolge feiern kann. Nachdem Tom Tykwers Film in Deutschland zum Publikumshit geworden war, reüssierte er in den USA, spielte dort noch einmal sieben Millionen Dollar ein und konnte so das zweitbeste Ergebnis aller Zeiten für einen deutschsprachigen Film erzielen.

 

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Dieser Artikel basiert auf den Texten von Claudia Dillmann und Thomas Möller zur Kinogeschichte des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater e. V. (HDF) "50 Jahre Kino in Deutschland"

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