Die Zukunft

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Die Zukunft

In den 1990ern Jahren schienen mehr und mehr Filme von dem Siegeszug der neuen Medien inspiriert: Tom Tykwers "Lola rennt" (1998) und "Matrix" (1999) von den Wachowski-Brüdern gehören zu den populärsten Beispielen dieser Tendenz, die seit dem Jahrtausendwechsel nochmals deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Die wachsende Zahl verfilmter Videospiele – von "Resident Evil: Apocalypse" über "Alien vs. Predator" (beide 2004) bis zu "Alone in the Dark" (2005) – legen davon ebenso Zeugnis ab wie die Auswertung von Erfolgsfilmen als Videospiele. Digitale Medien wie Computer- und Konsolenspiele haben sich mit ihren interaktiven Möglichkeiten zu einem bedeutenden audiovisuellen Konkurrenten entwickelt, und der Film hat sich längst auf diesen neuen Markt eingestellt. Auch deutsche Komödien wie "Sieben Zwerge: Männer allein im Wald" oder Kinderfilme wie "Pumuckl und sein Zirkusabenteuer" bieten in ihrer DVD-Auswertung interaktive Spiele zum Film an. Zu "(T)raumschiff Surprise – Periode 1" wurde – ganz nach dem Hollywood-Vorbild – ein eigenständiges Videospiel auf den Markt gebracht.

Digitales Kino

Quelle: Constantin, DIF, © herbX film, JAT Jürgen Olczyk
Computer-Kino mit "(T)Raumschiff Surprise" (2004) (Fotomontage)
 

Es ist wahrscheinlich, dass Filmrollen in nicht allzu ferner Zukunft verschwinden werden – und mit ihnen der klassische Verleih. Schon recht bald könnte eine durchgängig digitale Kette von der Filmaufnahme über die Postproduktion bis hin zu Distribution und Projektion existieren. Das im März 2005 öffentlich gestartete Projekt EuroDocuZone und das damit gegründete wohl weltweit größte digitale Kinonetzwerk "CineNetEurope" verhalten sich auf besondere Weise zu dieser Entwicklung: Arthouse-Kinos in neun europäischen Ländern wurden durch digitale Technik miteinander vernetzt, um gemeinsam Dokumentarfilme und kleinere Produktionen präsentieren zu können. Ziel der EuroDocuZone ist es, ausgewählten Filmen, die sonst nur auf Festivals zu sehen sind, einem breiteren Publikum zugänglich machen. Gleichzeitig soll damit – angesichts der möglichen Folgen des Digitalisierungsprozesses in den großen Hollywoodstudios – die Arbeit der kleineren unabhängigen europäischen Kinos und Verleiher beim Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter unterstützt werden.

Home Entertainment und Filmpiraterie

Quelle: Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen e.V. - GVU
Vernichtung von raubkopierten DVDs
 

Zum Prozess der Digitalisierung gehört auch der laufende Siegeszug des Heimkinos. DVDs, abgespielt mithilfe leistungsstarker TV-Geräte, Videobeamer und einem durch die heimische HiFi-Anlage aufgepeppten Dolby-Surround-Ton, haben dem Home Entertainment zu neuer Attraktivität verholfen. Wie der Filmjournalist Helmut Merschmann im Herbst 2004 feststellte, wird das "Filmgeschäft nicht mehr an der Kinokasse entschieden": "Die Filmförderungsanstalt (FFA) bezifferte den Umsatz in den deutschen Kinos für das Jahr 2003 mit 850 Millionen Euro. Dagegen kann der Bundesverband Audiovisuelle Medien (BVV) für den gleichen Zeitraum auf satte 1,55 Milliarden Euro Umsatz durch den Verleih und Verkauf von Videos und DVDs verweisen." Für das Kinojahr 2004 meldete die FFA einen Umsatz von knapp 893 Millionen Euro, während der BVV für 2004 einen Jahresumsatz von 1,32 Milliarden konstatieren konnte. Ein weiterer Konkurrenzfaktor ist dabei das im Ausbau befindliche Prinzip des Video-On-Demand, bei dem Filme gegen Bezahlung aus dem Internet heruntergeladen und für eine vereinbarte Zeit angeschaut werden können. Damit vereinfacht sich die eh schon gegenüber dem klassischen Kino "bequemere" Konkurrenz des Home Entertainment noch einmal – wer Heimkino will, muß sein Heim nun gar nicht mehr verlassen. "Die Zukunft des Home Entertainments", so Merschmann, "sieht keine Medienträger mehr vor, sondern nur noch Datenströme. Das ist schon absehbar. Hierfür ausschlaggebend wird jedoch der so genannte "Sprung ins Wohnzimmer" sein, die Verbindung von PC und Fernsehgerät."

Quelle: Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen e.V. - GVU
Arbeitsplatz professioneller Raubkopierer
 

Als weitere, längst spürbare Bedrohung für die Filmindustrie und das Kinogeschäft wird indes die Filmpiraterie wahrgenommen. Nach der "Brenner-Studie 2", die die Filmförderungsanstalt (FFA) Ende 2003 präsentierte, lädt bereits jeder zweite Konsument Filme aus dem Internet herunter, bevor diese im Handel verfügbar sind. Jeder Vierte bekommt die Filme auf dem gleichen Wege sogar noch vor dem Kinostart. Über siebzig Prozent dieser "Nutzer", die sich mit Raubkopien aus dem Netz versorgen, sind zwischen 10 und 39 Jahre alt; die überwiegende Mehrheit gehört somit zur Kernzielgruppe der Kinobranche. Mit der breit angelegten "Anti-Piraterie-Kampagne" der Film- und Videobranche sowie dem im September 2003 in Kraft getretenen neuen Urheberrecht soll dieser Entwicklung begegnet werden. Dem neuen Gesetz zufolge macht sich bereits strafbar, wer gewerblich oder privat, entgeltlich oder kostenlos Musik, Filme oder Computerspiele im Internet zum Herunterladen anbietet und verbreitet, ohne hierzu berechtigt zu sein.

Kinosaal, Wohnzimmer oder Hosentasche?

Quelle: Cinema Paris Betriebs GmbH, Foto: Jan Rost
Der Kinosaal des Cinema Paris in Berlin
 

Es wird sich zeigen, wie das Kino diese Prozesse der Digitalisierung übersteht. Neben dem heimischen Fernseher und dem Computer wächst nun auch das Handy zur Leinwandkonkurrenz. Mit einem entsprechend ausgerüsteten Multimedia-Handy ist längst das Abspielen kompletter Spielfilme möglich – allerdings erfordert es derzeit noch Aufwand und Zeit, um die Film-Dateien auf die für das Handy notwendige Größe zu bringen. Die damit mögliche Filmwahrnehmung jedoch bleibt eine ganz andere als jene, die im Kino und – dann nochmals verändert – in den eigenen vier Wänden stattfindet. Insofern ist es fraglich, ob daraus tatsächlich eine Konkurrenz oder nicht eher eine Ergänzung zur großen Projektion erwachsen kann. Solange es Filme gibt – ob nun auf Filmstreifen oder digitalen Datenspeichern –, wird das Kino der faszinierende Ort kollektiver und zugleich subjektiver Emotionen bleiben, der es bei allen technischen Veränderungen immer schon gewesen ist. Die Frage ist nur, welche Rolle dieser Ort im Leben zukünftiger Generationen spielen wird.

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