Kino in der BRD

Titel

Kino in der BRD
Ein Streifzug durch die Kinogeschichte von den 1950er Jahren bis heute
Quelle: Genuine Scooter Company, www.genuinescooters.com
Das Aegi in Hannover im Jahr 1953
 

Am 24. Mai des Jahres 1949 trat das "Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland" in Kraft, gut elf Wochen später, am 14. August, fanden die Wahlen zum ersten Deutschen Bundestag statt, aus denen Konrad Adenauer als erster Bundeskanzler hervorging. Vier Jahre lagen das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Zerschlagung Nazideutschlands zurück, und in dieser Zeit hatten sich allein in Westdeutschland bereits wieder über 3.300 Kinos etabliert – in den nächsten zehn Jahren sollte sich die Zahl auf mehr als das Doppelte erhöhen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung blühte auch das Kinogeschäft; von Beginn an war die Geschichte der Bundesrepublik auch eine Kinogeschichte.

Vom Kinoboom zum Abschied von "Papas Kino"

Quelle: DIF
Foyer des Düsseldorfer Kinos Studio in den 1960er Jahren
 

Die Entwicklung der westdeutschen Kinos in den 1950er Jahren kann als Weg vom Trümmerkino zum Kinoboom des Wirtschaftswunders beschrieben werden. In dieser Zeit wurden Filmtheater zu ertragreichen Investitionsobjekten: Eines der schillerndsten Beispiele für den Kino-Aufschwung sollte die Eröffnung des von den Architekten Hans Klüppelberg und Gerd Lichtenhahn entworfenen Aegi in Hannover am 12. März 1953 bedeuten. Auch seiner Architektur wegen als das "modernste Kino in Europa" gefeiert, konnte das Aegi mit 1.450 Plätzen sowie einer Raucherloge aufwarten und präsentierte vor der abendlichen Filmvorführung ein einstündiges Varietéprogramm. Nicht zuletzt durch die wachsende Verbreitung des Fernsehens zeichnete sich jedoch schon zum Ende der 1950er Jahre eine Krise ab, und die 1960er Jahre lassen sich in mehr als einem Sinne als das Ende von "Papas Kino" zusammenfassen. Nicht nur der drastische Rückgang der Besucherzahlen zeugte davon: Auch das berühmte "Oberhausener Manifest", mit dem 26 junge Filmemacher 1962 während der VIII. Westdeutschen Kurzfilmtage ihre Vision eines "neuen deutschen Films" formulierten, demonstrierte nachdrücklich das Ende einer Ära. "Der Zusammenbruch des konventionellen deutschen Films", heißt es in der Erklärung, "entzieht einer von uns abgelehnten Geisteshaltung endlich den wirtschaftlichen Boden."

"Kinocenter", Programmkinos und Blockbuster-Tempel

Quelle: DIF
Nach dem Umbau der Paläste: ein typischer "Kinocenter"-Saal der 1970er
 

Eine Folge der Krise war der Umbau der Paläste in den 1970er Jahren. Zwei gegensätzliche Bewegungen zeichneten diese Periode aus: Einerseits wurden die ehemals großen Kinosäle nun zusehends in kleinere "Schachtelkinos" zersplittert, die als "Kinocenter" neue Wirtschaftlichkeit mit Wohnzimmercharme versprachen. Andererseits erlebte das Jahrzehnt auch neue Anstrengungen der etablierten Filmkunsttheater sowie das Aufblühen der Kommunalen Kinos und der Programmkinos. Am 31. Oktober 1970 wurde mit dem Abaton in Hamburg das erste Programmkino eröffnet – ein Filmtheater, das sich nicht am aktuellen Verleihangebot orientierte. Die 1980er Jahre bestätigten und verstärkten mit Massenstarts und Blockbuster-Strategien eine bereits in den 1970er Jahren deutliche Entwicklung: Blockbuster-Filme mobilisierten die Massen, neue Kinotechnik war gefragt, und das Zielpublikum wurde immer jünger. Begleitet wurde diese Zeit der Großprojekte durch den Triumph der Video-Industrie; am Ende des Jahrzehnts verfügten bereits fast 50 Prozent der bundesdeutschen Haushalte über einen Videorecorder.

Vom Multiplex zum "Heim-Kino"?

Quelle: DIF
Der Modell-Entwurf eines Ufa-Multiplexes
 

Neue Konzentrationsprozesse prägten die 1990er Jahre. Nachdem das Hollywood-Kino das Filmangebot in Deutschland und Europa schon seit Jahrzehnten dominiert hatte, betraf die Internationalisierung nun auch die Filmtheater selbst. Am 10. Oktober 1990 wurde in Hürth bei Köln durch den US-amerikanischen Kinoketten-Konzern United Cinemas International (UCI) das erste der modernen Multiplex-Kinos eröffnet und damit der Siegeszug der Multiplexe eingeleitet, der die gesamte Kinolandschaft prägen sollte. Eine Woche zuvor, am 3. Oktober, war die Deutsche Demokratische Republik offiziell der Bundesrepublik Deutschland beigetreten und damit die Wiedervereinigung besiegelt. Von nun an wurde aus zwei nationalen Kinogeschichten Deutschlands wieder eine – wenn sich auch die Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern ebenso in den Kinostrukturen widerspiegelten. Es wird abzuwarten bleiben, ob die Zukunft des Kinos noch mit Filmstreifen und -projektoren zu tun hat oder mit digitalen Datenströmen; ob Leinwände vor Hunderten von Zuschauerinnen und Zuschauern den Erlebnisort Kino weiter als Raum zwischen Öffentlichkeit und Intimität bestimmen werden, oder ob sich das Prinzip des Home Entertainment, des privaten "Heim-Kinos", noch stärker durchsetzen wird. Schon jetzt liegt der Jahresumsatz durch den Verleih und Verkauf von Videos und DVDs in der Bundesrepublik deutlich höher als der Umsatz der Kinos. Fest steht allerdings, dass es keineswegs die Zeit sein wird, die über die Zukunft des Kinos entscheidet, sondern sein Publikum – seine Besucherinnen und Besucher, die den Fortbestand des Kinos ebenso sichern wie in Frage stellen können.

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