Ich Chef, Du Turnschuh: Vom Culture Clash und dem Bild des Deutschen

Schaut man sich die Migrationsfilme der 70er und 80er Jahre an, in denen es um "Gastarbeiter" ging, die verzweifelt versuchen, sich in einer für sie fremden und zum Teil befremdenden Kultur zurecht zu finden, taucht automatisch die Frage auf, welches Bild von Deutschland und "den Deutschen" in diesen Filmen gezeichnet wird – auch unter dem Gesichtspunkt, dass die meisten Filme zum Thema zunächst von deutschen Regisseuren wie Jan Schütte ("Drachenfutter") oder Helma Sanders-Brahms ("Shirins Hochzeit“) gedreht wurden. Aus heutiger Sicht muss man bei der Charakterisierung der deutschen Figuren in diesen Filmen von einer gewissen Klischeehaftigkeit sprechen. In der Regel nämlich treten die deutschen (bzw. schweizerischen oder österreichischen) Charaktere entweder als kompromisslose Autoritätspersonen ("Jannan – Die Abschiebung", "Das kalte Paradies"), ausbeuterische Geschäftemacher ("In der Fremde", "Drachenfutter", "Reise der Hoffnung") oder schlichtweg als unverständig-gleichgültige Passanten, Kollegen oder Nachbarn auf ("Palermo oder Wolfsburg"). Die Quintessenz dieser Filme besteht denn auch häufig aus der (durchaus fragwürdigen) Erkenntnis, dass hier Kulturen aufeinander treffen, die sich offenbar nicht vereinen lassen – was nach diesen Filmen allerdings weniger am Willen der Ausländer als vielmehr am Desinteresse der Einheimischen liegt. So nutzten vor allem die deutschen Filmemacher, die durchweg dem linken politischen Spektrum zuzuordnen sind, ihre Filme über "Migrantenschicksale" häufig zu einer harschen Kritik an bestehenden gesellschaftspolitischen Zuständen. Ironisiert wird die Ignoranz der wohlhabenden Mitteleuropäer in Komödien wie "Die Schweizermacher" (Schweiz), "Ilona und Kurti" (Österreich) oder "Ich Chef, Du Turnschuh", in dem sich ein gewitzter Asylbewerber die Obrigkeitshörigkeit der Deutschen zunutze macht, um mit gefälschten Papieren über seinen Aufenthaltsstatus hinwegzutäuschen. 

 
Quelle: DIF
Marius Müller-Westernhagen und Guido Gagliardi in "Theo gegen den Rest der Welt" (1980)
 

Unüberwindbare Grenzen?
Die Filme jedoch, in denen es zu einer harmonischen Verständigung zwischen Deutschen und Ausländern kommt, lassen sich an einer Hand abzählen: In Hark Bohms interkultureller Liebesgeschichte "Yasemin" wimmelt es nur so von deutschen Gutmenschen, die bemüht sind, respektvoll und tolerant mit den traditionellen Werten der Türken umzugehen; in "Anam" hilft eine deutsche Putzfrau ihrer türkischen Kollegin, ihren Sohn wiederzufinden. Dabei ist es bezeichnend, dass Verständigung und Freundschaft zwischen Deutschen und Ausländern im Film scheinbar nur zwischen Angehörigen unterer sozialer Schichten möglich sind: In Fassbinders "Angst essen Seele auf" ist es eine ältere Putzfrau, die sich in einen jungen Marokkaner verliebt. Ganz ähnlich in "Wenn der Richtige kommt", wo sich eine Putzfrau, die ohnehin als Außenseiterin gilt, in einen Türken verliebt; in Tefvik Basers "Abschied vom falschen Paradies" freundet sich eine Türkin nach der Tötung ihres tyrannischen Mannes im Gefängnis mit deutschen Strafgefangenen an. In Filmen wie "Theo gegen den Rest der Welt" oder "Voll Normaaal" unterstreicht die enge Freundschaft des White-Trash-Protagonisten zu einem Ausländer den Außenseiterstatus des Deutschen. Auch in Genrefilmen wie Lars Beckers "Schattenboxer" ist die Crew der harten Kerle am Rande der Gesellschaft erst perfekt, wenn sich ein Ausländer zu ihnen gesellt. Das sympathische an all diesen Filmen ist gleichsam die Tatsache, dass die Herkunft der ausländischen Freunde nicht die geringste Rolle spielt: "Die kulturellen und rassischen Unterschiede (sind) überwölbt von einem männlichen (...) Verhaltenskanon. (...) Entscheidend ist, sich aufeinander verlassen zu können und eine gemeinsame Symbolsprache zu beherrschen".