Exit Marrakech

Deutschland 2012/2013 Spielfilm

Inhalt

Der 17-jährige Ben reist nach Marrakesch, wo sein Vater, der gefeierte Theaterregisseur Heinrich, an einem internationalen Theatertreffen teilnimmt. Es ist länger her, dass der Teenager Zeit mit seinem geschiedenen Vater verbracht hat. Er hat das Gefühl, dass dieser ihm ebenso fremd ist wie das Land, und die Stimmung zwischen Vater und Sohn verschlechtert sich zusehends, was durch alte, ungelöste Konflikte noch verschlimmert wird. Bald geht Ben seinem Vater aus dem Weg, und bei seinen Erkundungstouren durch die Straßen und die Nachtclubs der exotischen Stadt lernt er die junge Marokkanerin Karima kennen. Er verliebt sich in sie und folgt ihr wenig später in ihr Heimatdorf im Atlasgebirge. Der besorgte Heinrich macht sich auf die Suche nach seinem Sohn.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Am letzten Schultag vor den Sommerferien wird Ben zum Internatsleiter gerufen. Hatte er wegen seines letzten nächtlichen Ausflugs schon eine Standpauke erwartet, so zeigt sich Dr. Breuer ganz im Gegenteil aufgeräumt: Er lobt Ben als Autor zweier Kurzgeschichten, die in den Jahresband der Schule Aufnahme gefunden haben. Der wäre viel lieber mit einigen Schulfreunden zum Strandurlaub nach Nizza gefahren, fliegt nun aber zu seinem Vater Heinrich nach Marokko, der dort mit einer seiner erfolgreichen Theaterinszenierungen gastiert. Bens Mutter, die Musikerin Lea, die schon geraume Zeit von Heinrich, der längst mit einer Jüngeren zusammenlebt, geschieden ist, fliegt gleichzeitig zu einem Konzert nach Paris. Zu einer persönlichen Begegnung reicht die Zeit nicht mehr. Unter Künstler-Ehen haben vor allem die Kinder zu leiden: Lea muss ihren „Ex“ noch schnell telefonisch daran erinnern, dass Ben seinen 17. Geburtstag feiert.

Als dieser in Marrakesch eintrifft, wird er von einem Fahrer in ein Nobelhotel gebracht, der ihn später auch im Theatre Royal abliefern soll. Doch Ben erkundet lieber auf eigene Faust die spannende, nach Einbruch der Dunkelheit noch lebendigere Stadt. „Warum musst Du die Marokkaner mit diesem deutschen Klassiker-Scheiß belästigen?“ fragt er nach der „Emilia Galotti“-Vorstellung seinen Vater, der ihm im Rahmen der opulenten Premierenfeier ein Geburtstagsständchen darbringen lässt zur Übergabe der scholokadenfreien Torte. Ben ist Diabetiker und muss sich täglich Insulin spritzen.

Auch am anderen Morgen streunt Ben erst durch den berühmten Marktplatz Djemaa el Fna, bevor er sich an Vaters Frühstückstisch setzt. Dessen Mahnung: „Wir sind hier nicht am Tegernsee“ wird der so unbefangene wie leichtsinnige deutsche Internatszögling noch einige Male missachten, was ihm aber wie durch ein Wunder nicht schadet. Denn Ben trifft immer wieder auf wohlmeinende Einheimische, die sich im Bedarfsfall seiner annehmen, von Straßenkids über ein schwules Künstlerpaar bis hin zur jungen Prostituierten Karima, die ihn in einem Nachtclub anspricht. Und der er in ihrer schäbigen Behausung das schöne deutsche Lied „Der Mond ist aufgegangen“ singt, statt Sex mit ihr zu haben.

Ben setzt sich am anderen Tag über alle ihre Bedenken hinweg und begleitet Karima im Bus bis zu ihrem Heimatdorf im Atlasgebirge. Er hat Glück, dass nur Karimas Mutter und ihre kleine Schwester daheim sind, so kann er eine Nacht im Haus der Großmutter bleiben. Aber ein Fremder, dazu noch ein Ausländer, bringen die Familie Karimas in Verruf. Als der Vater am anderen Tag zusammen mit seinem Sohn zurückkehrt, wirft er nicht nur Ben 'raus, sondern mit Karima auch die Ernährerin der Seinen. Während sie in der nächsten größeren Stadt bei einer befreundeten Prostituierten unterkommt und weiterhin ihrem Gewerbe nachgehen will, um Geld zu verdienen, Familie ist schließlich Familie, zieht ihn es statt an die Seite seines Vaters nach Rabat in die Wüste – zum Sanddünen-Surfen.

Wo Ben von der Polizei regelrecht von den Brettern geholt und auf deren Wache später vom Vater abgeholt wird: Im Auto geht es nun mehrere Tage quer durchs wüste Land an die Küste von Essaouira. Zeit, dass beide sich näherkommen, wenn auch nicht alle Wunden des sich vernachlässigt und aufs Internat abgeschoben fühlenden Jungen sogleich geschlossen werden können. Ben fühlt sich erstmals von seinem Vater ernst genommen, darf sogar selbst ans Steuer, bricht dann aber plötzlich zusammen: Er ist unterzuckert und der Insulinvorrat aufgebraucht, der Rest lagert unerreichbar im Zimmerkühlschrank der Nobelherberge in Marrakesch.

Auf dem Weg in die nächste größere Stadt mit einem Krankenhaus fährt der Vater die Nacht durch. Und verliert in übermüdetem Zustand die Gewalt über den Wagen, der die Leitplanke durchbricht und in die Tiefe stürzt. Trotz seiner körperlichen Schwäche kann Benn sich aus dem umgestürzten Fahrzeug befreien und Hilfe holen...

„Exit Marrakech“ entspringt dem Wunsch der Regisseurin, eines ihrer Lieblingsländer auf großer Leinwand präsentieren zu können, was die Kamerafrau Bella Halben dann auch ausgiebig genutzt hat, freilich weniger aus der bekannten Touristenperspektive, und das ist schon das Beste an dieser so typisch deutschen TV-Koproduktion. Entstanden ist eine nicht sehr überzeugende Mischung aus Roadmovie und Familiendrama vor allerdings authentischer Kulisse. Gerade diese Authentizität, zu der die Drehgenehmigung der marokkanischen Herrscherfamilie alle gewünschten Türen öffnete, ist das Problem: Damit hat sich Caroline Link exakt so europäisch-kolonialistisch-überheblich verhalten wie ihre fiktiven Figuren. Vater Heinrich verlässt die Ghettos der Luxusherbergen nicht, weil er sich Informationen aus Marokko lieber am Pool aus den Büchern von Paul Bowles holt. Und sein Sohn Ben verhält sich nicht besser, wenn er mit hanebüchener Naivität meint, seinen europäischen Freiheitsbegriff noch im hintersten Bergdorf ausleben zu müssen. Der marokkanische Journalist, der Heinrich am Premierenabend mit den so gänzlich konträren Interessen der überwiegend armen Bevölkerung des Landes konfrontiert, erscheint in diesem Kontext als eine reine Alibifigur.

Es geht Caroline Link leider nicht um die Bigotterie einer islamischen Gesellschaft, in der die Männer ins Bordell gehen und die Frauen den heimischen Herd nicht verlassen dürfen, in der ein striktes Alkoholverbot herrscht, das aber in jedem Touristenhotel geschäftstüchtig unterlaufen wird. Das ist alles so vorhersehbar, gerade weil Caroline Link ja so recht hat: die Frauen aus erster Ehe können nur neidvoll auf ihre zumeist erheblich jüngeren Nachfolgerinnen blicken. Weil selbst die größten Egoisten lernfähig sind – und sogar, wie das Beispiel Heinrich zeigt, Empathie offenbaren: Beim zweiten Versuch wird, mit wachsendem Lebensalter und dem Erfahrungsschatz aus dem gescheiterten ersten Versuch, wenn auch nicht gleich alles, so doch vieles anders. Und besser. Dass am Ende Ben doch noch seine süße kleine Halbschwester Paula trifft, ist dem Harmoniebedürfnis des deutschen Fernsehpublikums geschuldet, dass nach den Schrecknissen der „Tagesschau“ bitteschön ein Happy End erwarten darf – erstmals am 16. Oktober 2015 auf Arte.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Continuity

Drehbuch

Kamera

Kamera-Assistenz

Steadicam

Optische Spezialeffekte

Beleuchter

Kamera-Bühne

Szenenbild

Außenrequisite

Innenrequisite

Kostüme

Schnitt

Ton-Assistenz

Musik

Produzent

Herstellungsleitung

Associate Producer

Produktionsleitung

Post-Production

Dreharbeiten

    • 16.04.2012 - 24.06.2012: Marokko, Köln, Bayern
Länge:
122 min
Format:
35mm, 1:2,35
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 01.07.2013, 139628, ab 6 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 30.06.2013, München, Filmfest - Neues deutsches Kino;
Kinostart (DE): 24.10.2013

Titel

  • Weiterer Titel (DE) Marokko
  • Originaltitel (DE) Exit Marrakech

Fassungen

Original

Länge:
122 min
Format:
35mm, 1:2,35
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 01.07.2013, 139628, ab 6 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 30.06.2013, München, Filmfest - Neues deutsches Kino;
Kinostart (DE): 24.10.2013