Winterblume

Deutschland 1996/1997 Spielfilm

Das Boot ist voll

Kadir Sözeh schildert mit den Folgen einer Ausweisung nüchtern die Allgewalt der Bürokratie


Katja Nicodemus, TIP Magazin, Nr. 24, 1997

Ausländerrecht, Asylanten, Ausweisungen. Während das Fernsehen vom "Tatort" bis zu den Vorabendrevieren hier und da schon mal einen Fall aufgreift, scheinen die Leinwände vor den Dramen, die doch eigentlich auf der Straße liegen, zurückzuschrecken. Aus Angst vor Tristesse, Sozialgesülze oder was auch immer.

Kadir Sözens "Winterblume" schildert nüchtern den Kampf gegen die Schicksalsgewalt der Sachbearbeiter. Völlig unerwartet wird der türkische Immigrant Mehmet Umut (Menderes Samancilar) eines morgens sozusagen aus dem Bett heraus verhaftet. Wie vom Donner gerührt sehen ihn seine Frau und der kleine Sohn im Treppenhaus entschwinden.

Von nun an teilt sich der Film in zwei parallele Bewegungen. Verzweifelt versucht Umuts Frau (Meral Yüzgülec) die offensichtlich juristisch unhaltbare Ausweisung mit einem Prozeß gegen die Ausländerbehörde rückgängig zu machen. Noch verzweifelter irrt Umut in einem unwirtlichen Istanbul herum, hält sich mit wechselnden Jobs knapp über Wasser. Und begibt sich schließlich in die Klauen einer Schlepperbande, auf eine chaotische Reise quer durch Europa. Kurze sehnsüchtige Telefonate mit seiner Frau bilden den einzigen Berührungspunkt zwischen zwei Welten, die eigentlich zusammengehören.

Die Unvernunft der Paragraphen gegen die Ungeduld des Familienvaters. Doch so einfach macht es sich Regisseur Kadir Sözen nicht. Umut muß auch an anderen Fronten kämpfen. Im Kleinbus auf der illegalen Fahrt Richtung Deutschland steht Underdog gegen Underdog. Bald völlig vom Schlepperchef ausgenommen, versucht jeder, die eigene Haut zu retten, ein Sudanese bleibt auf der Strecke. Als die Gruppe an der ungarischösterreichischen Grenze tagelang in einer Absteige ausharren muß, eskaliert die Situation.

"Winterblume" ist einfach, manchmal bieder erzählt. Kein melodramatisches Ausweisungsepos, sondern eine gleichmütige Bestandsaufnahme, der verborgenen Alltäglichkeit angemessen, mit der solche Geschichten unentwegt geschehen.

Zum Greifen nahe sind sich Umut und seine Frau am Ende. Und doch unendlich voneinander entfernt durch den verdammten allgewaltigen Papierfetzen.


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