Fazit der Berlinale Talents 2019

Mit Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano auf dem Podium ist gestern in vollbesetztem Haus die 17. Ausgabe von Berlinale Talents erfolgreich zu Ende gegangen.

 

Charlotte Rampling, Erika Lust, André Téchiné, Adina Pintilie, David Lowery, Sandra Hüller, Guy Nattiv, James Schamus, Joanna Hogg sowie weitere 120 Gäste diskutierten mit 250 Talenten und tausenden Besucher*innen darüber, wie sie mit (Fehl-)Entscheidungen und den daraus resultierenden Konsequenzen produktiv umgehen. Dabei wurde vor allem eines deutlich: Fehler passieren und Aufgeben ist selten die beste Option – es gilt, den privaten und gesellschaftlichen Herausforderungen auf selbstgewählten künstlerischen Wegen und Umwegen leidenschaftlich zu begegnen.

Für Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die die Filmvorführung von Nora Fingscheidts Wettbewerbsbeitrag "Systemsprenger" im HAU Hebbel am Ufer eröffnete, zeichnet eben dies die Talentförderinitiative aus: "Die Berlinale ist berühmt nicht zuletzt für ihre Weltoffenheit und ihren Mut, sich kritisch den drängenden Fragen unserer Zeit zu widmen. Genau in dieser Tradition steht auch Berlinale Talents - und ohne die kritischen Perspektiven der jungen, internationalen Talente würde dem Festival heute zweifellos etwas fehlen." Alumna Nora Fingscheidt erhielt 2017 den Kompagnon-Förderpreis für ihr Drehbuch zu "Systemsprenger".

Mit Empathie und Offenheit die nächsten Schritte tun

Ehrliches Kommunizieren über Momente des Scheiterns: Die Produzent*innen Cédomir Kolar, Roshanak Behesht Nedjad und Chelsea Winstanley teilten ihre persönlichen und kulturell spezifischen Lösungsansätze für schwierige Herausforderungen in ihren Produktionen in und außerhalb Europas. Sich in andere hineinzuversetzen und Teamprozesse aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, war ebenso eine wichtige Erkenntnis der Talks zur sensiblen Interviewführung im Dokumentarfilm oder dem "Safer Set"-Workshop mit der Indie-Erotikfilm-Regisseurin Erika Lust. Dass Empathie ein Schlüssel zum Erfolg sein kann, betonte der Alumnus Manuel Abramovich ("Blue Boy", Berlinale Shorts), dem einer seiner Darsteller den Perspektivwechsel ans Herz legte: "Im Grunde musst du ich sein und ich du".

Mit Haltung neue Entwicklungen in der Filmbranche anstoßen

Im Denklabor der Berlinale standen Fragen der Repräsentation im Zentrum des Interesses für viele der Expert*innen und Talente. In der Talkrunde "Continental Drift" zum Afrikabild im Film formulierten die Panelteilnehmer*innen ihre Wünsche nach einer vielfältigeren Wahrnehmung, gezielter und nachhaltiger Förderung neuer Stimmen sowie ganz praktisch der Erleichterung von Visa-Verfahren. Die aktuellen Umwälzungen in der Kino- und Filmlandschaft wurden aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet: So wies Tendo Nagenda, der VP of Original Film bei Netflix, im Dialog mit den Talenten darauf hin, dass der globale Ansatz der Plattform auch mit einer Vielfalt an internationalen Stoffen einhergehen könne. Einen eindeutig neuen Fokus der Zuschauer*innenansprache präsentierten die Goldener-Bär-Gewinnerinnen und Alumnae Adina Pintilie und Bianca Oana ("Touch Me Not"), die dem oft kurzlebigen, anonymen Vertrieb von Arthouse-Filmen ihr Konzept der intimen "Open Debates" entgegensetzen. Und bei "Battle for the Big Screen: Future of Cinema" im Lichtblick-Kino (in Kooperation mit Berlinale Goes Kiez) waren dann erneut auch die Berliner*innen eingeladen, gemeinsam mit Expert*innen über verbindende Strategien für Kino und Streaming-Services zu diskutieren.

Preise im Rahmen von Berlinale Talents 2019
Es wurden folgende Preise verliehen:

Beim "Talent Project Market" wurde der Produzent Vincenzo Cavallo aus Kenia für "Bufis" (Regie: Mahad Ahmed) mit dem mit 10.000 Euro dotierten VFF Talent Highlight Award ausgezeichnet. Die mit jeweils 1.000 Euro dotierten Nominierungspreise gingen an die Produzentinnen Jessie Fisk aus Irland für "Wolf" und Alona Refua aus Israel für "Kullu Men Allah".

Die Robert Bosch Stiftung GmbH verlieh während Berlinale Talents zum siebten Mal den mit insgesamt 180.000 Euro dotierten Filmpreis für internationale Zusammenarbeit an deutsch-arabische Filmteams. Die Gewinner*innen sind:
-    "Homeless Hearts" (Kurzfilm)
Regie: Mohamed Sabbah (Libanon); Produzent*innen: Bastian Klügel (Deutschland), Ghina El Hachem (Libanon)

-    "Abo Zabaal 1989" (Dokumentarfilm)
Regie: Bassam Mortada (Ägypten); Produzent*innen: Anna Bolster (Deutschland), Kesmat Elsayed (Ägypten)

-    "Do you love me" (Dokumentarfilm)
Regie: Lana Daher (Libanon); Produzent*innen: Jasper Mielke (Deutschland), Lana Daher (Libanon)

Lobende Erwähnung:
-    "Fouledh" (Dokumentarfilm)
Regie: Mehdi Hmili (Tunesien); Produzent*innen: Michel Balagué (Deutschland), Moufida Fedhila (Tunesien)

Heute Abend wird zum dritten Mal der gemeinsam von Perspektive Deutsches Kino und Berlinale Talents verliehene Kompagnon-Förderpreis im Rahmen der Abschlussveranstaltung von Perspektive Deutsches Kino vergeben.

Berlinale Talents wurde 2003 von Festivaldirektor Dieter Kosslick als Berlinale Talent Campus ins Leben gerufen. "Unser Ziel war es, ein internationales Netzwerk für junge Filmschaffende aufzubauen. Mit Berlinale Talents bekommen aufstrebende Talente die Gelegenheit, neue Partnerschaften zu knüpfen, von erfahrenen Filmemacher*innen zu lernen und Ideen auszutauschen. Ich freue mich, dass über die Jahre so viele Projekte von Talents-Alumni erfolgreich realisiert wurden und die heutige Filmlandschaft mitprägen", kommentiert er die erfolgreiche Entwicklung von Berlinale Talents.

Die Initiative umfasst inzwischen fast 8.000 Alumni weltweit sowie ein Netzwerk von sieben weiteren Talents-International-Initiativen, die von den dort ansässigen Organisator*innen in Buenos Aires, Durban, Guadalajara, Sarajevo, Beirut, Tokio und Rio de Janeiro ausgerichtet werden.

Die nächste Ausgabe von Berlinale Talents findet vom 22. bis 27. Februar 2020 statt.

Quelle: www.berlinale.de