Inhalt
Der Filmemacher Thomas Riedelsheimer beobachtet und begleitet die gehörlose Perkussionistin Evelyn Glennie bei den Aufnahmen für ihre neue CD. Während man Glennie als "klassische" Musikerin bezeichnen könnte, ist Fred Frith, ihr musikalischer Partner bei dieser CD, ein Altmeister der Avantgarde-Musik. Passend zu dem musikalischen Zusammentreffen dieser beiden unterschiedlichen Temperamente gestaltet Riedelsheimer seinen Film als eine Art "audiovisuelle Collage" – ein Geflecht aus Bildern und Tönen.
Kommentare
Sie haben diesen Film gesehen? Dann freuen wir uns auf Ihren Beitrag!
Jetzt anmelden oder registrieren und Kommentar schreiben.
Nach „Rhythm is it“ nun „Touch The Sound“: Das Genre des Musikfilms, besser: der filmischen Dokumentation im Kinoformat, boomt. Thomas Riedelsheimer, für Buch, Regie und Kamera verantwortlich, der zuletzt drei Jahre zuvor mit „Rivers and Tides“ überzeugte, hat sich zusammen mit der Ausnahmemusikerin Evelyn Glennie auf eine ungewöhnliche Reise in die Welt der Klänge begeben.
Die weltweit gefragte, inzwischen wohl erfolgreichste klassische Solo-Percussionistin gilt nach den Maßstäben der Schulmedizin zu 80 Prozent als taub. „Meine Laufbahn“, sagt Evelyn Glennie, die mit allen großen Orchestern der Welt rund um den Globus reist, „ist ebenso wie die Beethovens und vieler anderer eine Unmöglichkeit. Es gibt dafür nur drei mögliche Erklärungen: entweder bin ich keine Musikerin, oder ich bin nicht taub – oder das allgemeine Verständnis der Kategorien von ’Taubheit’ und ’Musik’ ist falsch.“
Thomas Riedelsheimer war nach dem Hören einer CD der schottischen Musikerin gleich von ihrer Energie und ihrer Fähigkeit, mit dem ganzen Körper und geradezu allen Sinnen zu hören, so begeistert, dass er spontan beschloss, mit Evelyn Glennie seinen nächsten Film zu realisieren. Er begleitete sie nach Japan und in die USA, aber auch in ihre Heimat im Norden Schottlands, auf die elterliche Farm, die nun von ihrem Bruder bewirtschaftet wird.
Die Schönheit dieser rauen Landschaft hat Thomas Riedelsheimer in berückenden Bildern eingefangen: Mit dem Rauschen des Meeres und dem Brausen des Sturmes ist Evelyn Glennie aufgewachsen, hier hat sie, noch unbewusst, ihre ersten Klang-Erlebnisse in sich aufgesogen. Als Achtjährige begann sie mit Klavierunterricht, mit elf musste sie bereits ein Hörgerät tragen. Doch mit Rückenstärkung des Vaters und Hilfe ihrer Schullehrer kann sie weiterhin am Musikunterricht teilnehmen, als Zwölfjährige nimmt sie zusätzlich Percussions-Unterricht auf – und hat ihre Profession gefunden.
Thomas Riedelsheimer hat die Ausnahme-Künstlerin auch nach Köln begleitet, wo sie mit Fred Firth zusammen in einer alten Fabrikhalle für eine CD-Aufnahme ein außergewöhnliches Improvisations-Projekt verwirklichte: „Abstrakter“, absoluter Klang mit allen nur möglichen Resonanzkörpern. Dieses Projekt zieht sich wie ein „Roter Faden“ durch den ganzen Film, dem, so einfach wie effektvoll (häufiges Mittel ist die Froschperspektive), das Paradoxon einer Visualisierung von Hörereignissen und Hörerlebnissen gelingt.
„Touch The Sound“ ist keine Dokumentation ihrer Reisen, ihrer Begegnungen mit Roxanne Butterfly, Horazio „El Negro“ Hernandez, Za Ondekoza, Jason „The Fogmaster“ oder This Misa & Saikou, sondern tatsächlich eine Reise in unbekannte, faszinierende Klangwelten. Thomas Riedelsheimer nimmt uns auf eine behutsame, fast zärtlich zu nennende Weise mit in das Universum der Evelyn Glennie, das auch aus ganz alltäglichen Geräuschen besteht. Und sensibilisiert uns dafür, die akustische Welt künftig anders als nur mit einem Sinn wahr- und in uns aufzunehmen.
Pitt Herrmann