Summary
Without a penny to her name, Adele Spitzeder arrives in Munich in 1865. The wannabe actress is plunged in debt and cannot afford the luxurious lifestyle she and her mother are used to. Yet then she comes up with an unusual idea: She founds a bank, thus entering a male-dominated domain. She uses the newly opened accounts of her many, mostly low-income customers to pay of the guaranteed ten percent interest of older clients. Thus, she practically invents the pyramid scheme.
Due to her charm and negotiation skills, the bank quickly expands, and while this finances Adele's extravagant life, it will soon mean financial ruin for tens of thousands of her customers. Driven by greed and her need to be accepted, Adele constantly shifts between her two personalities: the poor people's lady with the golden heart and the cold-blooded career woman with big dreams and a scandalous love life. Her success makes her enemies though, and eventually her business collapses. Convicted of fraud, Adele ends up in prison.
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Sie geht nach München, wo ihre Mutter Betty Vio (großartig: die alterslose Sunnyi Melles als alternder Theaterstar) zwar noch die großbürgerliche elterliche Villa bewohnt, ihr aber noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf anbietet. „Ich muss mich jung und schön erhalten, das kostet“: Die einst berühmte Wiener und Münchner Schauspielerin ist so mittellos wie ihre Tochter. Welche sich daher bei Edeltraud Staller (Marianne Sägebrecht wie sie leibt und lebt), resolute Wirtin im Münchner Gasthaus „Zum Schützen“ mit Herz für Künstler, einquartiert. Nicht das erste Haus am Platze, aber preiswert. Und an der Wand ihres Zimmers hängt Adeles Lieblingsspruch: „Tue recht und scheue niemand.“
Eine Weisheit von vielen, die sie sogleich ihrer jungen Bedienerin Therese Ederer nahebringt: „Lesen ist das Tor zur Welt.“ Adele wird Resis Mentorin, bringt ihr Lesen und Schreiben bei, später übernimmt der Wiener Theaterregisseur Eduard Pohlheim (Karlheinz Hackl) die mühsame Aufgabe, dem reizenden Bauernkind feine Manieren und eine der höheren Gesellschaft angemessene sprachliche Artikulation beizubringen – ganz wie einst Henry Higgins dem Blumenmädchen Eliza Doolittle.
Adele sieht keine andere Wahl, als sich beim Pfandleiher Stangl Geld zu borgen – für den üblichen Wucherzins von 20 Prozent pro Woche. Sie hofft auf eine Anstellung im Münchner Hoftheater – vergeblich. Immerhin macht sie im Stiegenhaus Bekanntschaft mit dem jungen Balthasar Engel, der samt seinem Bühnenmanuskript soeben achtkantig herausgeflogen ist beim Intendanten und sich als „vogelfreier Dichter“ fühlt. Und schon ist ihr aberwitziger Traum vom eigenen Theater geboren. Doch wie zu Geld kommen?
Ein unscheinbarer Zwischenfall im Wirtshaus bringt Adele auf die Idee, ein eigenes Finanzgeschäft zu gründen: Sie leiht sich zunächst von den Stammgästen des „Schützen“ kleinere Geldbeträge mit der schriftlichen Zusage, zehn Prozent Zinsen zu zahlen. Was sogleich die Runde macht, bald steht die halbe Stadt vor Edeltraud Stallers Toren, um die hart erarbeiteten Ersparnisse der nun nicht mehr weltlich-eleganten, sondern bescheiden und mit dem goldenen Kreuz an der Halskette auftretenden „Armenbankerin“ anzuvertrauen.
Ungeheure Summen stapeln sich in ihrem Zimmer, die Aussicht auf eine allen Grundrechenarten der Ökonomie widersprechende wundersame Geldvermehrung zieht immer weitere (Land-) Kreise – und dringt bis in allerhöchste Kreise. Bald residiert Adele in einer großbürgerlichen Villa, ihre Mutter Betty kann wieder Hof halten draußen vor den Toren Münchens – und von großen Rollen im eigenen, von Pohlheim geleiteten Theater träumen.
Nur wenige wie Adeles Vertrauter Georg Zeitler wissen, dass dieses Schneeballsystem nicht mehr lange Bestand haben kann: Immer mehr frisches Kapital wird benötigt, um die horrenden Zinsen zahlen zu können. Als der ehemalige Polizist Zeitler seine Zweifel einem Zeitungsredakteur steckt und auch noch vom ausschweifenden Leben der sich in der Öffentlichkeit so sittsam gebenden Adele Spitzeder zu berichten weiß, ist das rasche Ende des „Bankfräuleins“ besiegelt. „Ja, meine Freunde, wir befinden uns im letzten Akt“: Adele kann zwar ihrer Verhaftung nicht entgehen, aber im letzten Augenblick noch für sich und die ihren sorgen.
Zeitsprung, Café Central in Wien zwanzig Jahre später. Balthasar Engel, inzwischen offenbar ein arrivierter Schriftsteller, berichtet einem Kollegen vom Fall der Adele Spitzeder. Sie ist damals, der Prozess förderte rund 30.000 Betrogene zutage, zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Und hat die Zeit genutzt, um ihre 1878 erschienene Autobiographie „Geschichte meines Lebens“ zu verfassen. Eine gewisse Adele Vio steht in Wien auf den Brettern – und ein gewisser Hugo von Hofmannsthal verlässt das Palais Ferstl mit dem Stoff für sein erfolgreichstes, wenn auch nicht bestes Stück, das bis heute alljährlich die, nein: seine Salzburger Festspiele eröffnet...
Ariela Bogenberger und Xaver Schwarzenberger ist in Koproduktion mit dem Wiener ORF ein Fernsehspiel zur rechten Zeit gelungen mit einer tollen Besetzung, ganz nostalgisch, aber alles andere als angestaubt. Geld stinkt nicht, und das gilt für Arm und Reich gleichermaßen. Die Gier nach den Extraprozenten ist schließlich auch jetzt nicht auf die (Investment-) Banker beschränkt und wer wie seinerzeit Adele Spitzeder im 19. Jahrhundert „das meiste Geld für Ihr Geld“ verspricht, wird sich auch um 21. Jahrhundert über mangelnden Zuspruch nicht zu beklagen haben.
Pitt Herrmann