Der Berg des Schicksals

Deutschland 1923/1924 Spielfilm

Der Berg des Schicksals


M–s., Film-Kurier, Nr. 113, 13.5.1924


Dieser Film wirkt mit der Wucht eines Naturereignisses.

Aus einer Fabel von denkbarer Einfachheit baut sich die Handlung auf. Da ist ein Bergsteiger, ein Mann, dem die Bezwingung der Gebirgswelt ein Rausch ist, wie dem Künstler das Schaffen. Ein Traum ist es, der ihn erfüllt, den Gipfel der Guglia de Diavolo zu besteigen, den eines Menschen Fuß noch nie erklommen. Aber, der Berg ist stärker als er, und er stürzt in die Tiefe. Nach Jahren vollendet sein Sohn, was er begonnen. Und zugleich rettet er die Jugendfreundin, die von gleichem Rausch wie er beseelt, in einer Anwandlung von Trotz versucht hat, den Gipfel zu erklimmen und dabei von einem Unwetter überrascht worden ist.

Das ist die ganze Handlung dieses Films, eines Werkes von aufwühlendster Wirkung.

Der Film gibt restlos, was das bewegte Bild geben soll und so selten zu geben vermag: er läßt Menschen aus einer Umwelt emporwachsen.

Diese Umwelt ist hier die Unendlichkeit der Gebirgswelt.

In seiner Einfachheit ist der Film ein vollendetes Drama. Berg und Mensch sind die Gegenspieler.

Denn diese Guglia de Diavolo ist eine schicksalsbestimmende Macht. Dieser Berg, der dem menschlichen Willen trotzt, wird in der Phantasie der Menschen zum dämonischen Ungeheuer, das ihrer spottet, und das deshalb unterworfen werden muß, um jeden Preis.

Der Sieg der menschlichen Willensenergie über die Materie, des Geistes über die Natur: das ist die Idee dieses Filmwerks zu einem filmhistorischen Dokument.

Meisterhaft, wie der Regisseur die Natur in die Handlung einbezogen hat, wie die Gebirgsszenen nicht als Selbstzweck wirken, sondern sich organisch aus dem Geschehen ergeben.

Die rhythmische Gliederung der Vorgänge der Handlung entspricht dem Rhythmus der seelischen Bewegung.

Nicht minder hoch als die Leistung des Regisseurs und Manuskriptverfassers Fanck ist die des Photographen Fanck und seiner Mitarbeiter Schneeberger und Dettel zu bewerten. Diese Photographie ist von letzter Feinheit in der Behandlung des Lichtes, nähert sich der Malerei, in der Art wie sie das Wesentliche der Atmosphäre wiedergibt.

Was die Darstellung betrifft, so sind die beiden Meisterkletterer Hannes Schneider und Louis Trenker, Erna Morena, Frieda Richard, Hertha Stern v. Walther, Gustav Obert zu einem Ensemble von lückenloser Einheit zusammengeschlossen. Darüber hinaus ergriff Frieda Richard durch Echtheit der Menschengestaltung, überrascht Erna Morena durch die Sicherheit, mit der sie sich in die Rolle eines schlichten Menschen hineingefunden hat.

Die technischen Leistungen von Schneider und Trendler stellen den Gipfel des Erreichbaren dar.

Der Film löst in dem Zuschauer das Gefühl aus von der Einheit des Menschen mit der Natur.

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