Kindheit

DDR 1986/1987 Spielfilm

Kindheit



Hans-Jörg Rother, Film und Fernsehen, Berlin/DDR, Nr. 2, 1988


Am Anfang des Films sieht man den Regisseur auf dem Marktplatz von Kraków – die Augen staunend nach oben auf die Hochseilartisten gerichtet, an deren Stelle er sich wünscht. Schon immer wollte er einmal den Platz von oben sehen. Oder wollte er nicht schon immer ein Artist sein, der die Dinge leichtnimmt und gleichsam über dem schweren Alltag schwebt oder mit einem Trompetensolo ein weithin hörbares Signal gibt?

Bereits sein in die DEFA-Geschichte eingegangener Schrankenwärter Platow träumte davon, ein Zirkuskünstler zu sein, statt sich auf die "Elektronifizierung" der Eisenbahn umstellen zu müssen ("Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow", 1973). Später war in Kühns Filmen von Zirkus nicht mehr die Rede. Das gleichsam zirzensische Nummernprogramm des "Platow" wurde aufgegeben. Psychologische Dramen wie "Die Wahlverwandtschaften" (1974) oder "Don Juan, Karl-Liebknecht-Straße 78" (1980) traten an seine Stelle. Auch hier ging es um Aus- und Aufbrüche zu einem zweiten Leben, in dem der Anspruch des Herzens wahr wird und falsche Sicherheiten zerbrechen. Doch das Leben holte die Aufbrechenden jedes Mal wieder ein, obwohl sie von ihrer inneren Höhe die Zukunft oder den versunkenen Erdteil Atlantis ("Unterwegs nach Atlantis", 1977) schon offen vor sich zu sehen meinten, es zerschlug ihre Träume und Illusionen. Manchmal blieb nicht mehr übrig, als einen Schrank an eine andere Stelle zu schieben (das Ende der "Wahlverwandtschaften") oder unter Tränen weiter von einem Partner zu träumen, den es vielleicht gar nicht gibt ("Der Traum vom EIch", 1986).

(…) Einen "Gegenwartsfilm" nannte der Regisseur sein aus autobiographischem Material und Phantasie zusammengefügtes Werk in einem Zuschauergespräch, und er bekannte sich dazu, das Sicherheitsstreben mancher Zeitgenossen gern etwas attackieren zu wollen. (…)



Die Darstellung näherte sich wieder der des "Platow" an, ohne dessen sprühende Lebendigkeit zu erreichen. Fritz Marquardt konnte sein Talent einbringen zum bedeutungsvollen Posieren, bei dem immer eine tiefe menschliche Betroffen durchschimmert, und Carmen-Maja Antoni konnte mit zuweilen spitzbübischer Miene eine Großmutter vorstellen, zu der die landläufige Vorstellung einer "0ma" nicht paßt. Auf den Spielflächen dieses weiträumigen Bauernhofes, wo man von landwirtschaftlicher Tätigkeit wenig spürt, durfte sich auch der kleine Marc Poser als Alfons zu seinem und anderer Vergnügen voll austoben. Überhaupt sind in diesem Film alle Komödianten, auch wenn sie gemein und gefährlich zu sein haben – wie Günter Junghans als Riedel – oder eine Karikatur sind – wie Hermann Beyer als anachronistisches Relikt verblichener Kriegsbegeisterung. Ihnen und allen anderen folgt man mit viel Spaß auf den Erinnerungswegen des Erzählers. Nur daß Angelika Böttiger als böse Tante Mete am Schluß noch eine revanchistische Losung rufen muß, war wohl ein Stilbruch. (…)

Die Größe des Gegenstandes ist, anders als in der Literatur, eine gewichtige Frage, wenn es um Wirkungen im Kino geht. Als ich den Film am Tag nach der Premiere zum zweiten Mal sah, teilten mit mir etwa dreißig Zuschauer den Saal des renommierten Berliner Kinotheaters "International". Gewiß, die Beurteilung eines Films nur aufgrund seiner Zuschauerzahlen wäre ungerecht, und das Ausbleiben des Publikums kann Ursachen haben, die vielleicht weniger beim jeweiligen Werk als vielmehr bei früheren Enttäuschungen und Vertrauensverlusten liegen.

Aber könnten nicht auch die verschenkten Möglichkeiten des Films eine Ursache sein? Gerade das Kino als öffentliche Einrichtung erhält seine Anziehungskraft von den Gegenständen, über die dort öffentlich verhandelt wird, vom aufrichtigen, offenen Reden und nicht von der Zurückhaltung, von aufregenden, vielleicht sogar sensationellen Entdeckungen in unserer Gegenwart und unserer Vergangenheit, von großen Fragen und ganzen Wahrheiten. Vielleicht ist "Kindheit" vor allem ein Versprechen auf die Zukunft?

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