Erscheinen Pflicht

DDR 1983/1984 Spielfilm

Ende der Kindheit

Rosemarie Rehahn, Wochenpost, Berlin/DDR, 27.7.1984


Premiere war im Mai beim 3. Nationalen Spielfilmfestival in Karl-Marx-Stadt. Jetzt der Kinoalltag. Wir sahen den Film in einer nicht eben überfüllten Nachmittagsvorstellung im "Colosseum", in der Schönhauser Allee, Berlins berlinischster Straße, sahen ihn zusammen mit jungen, wachen Zuschauern, die sich sichtlich, gelegentlich auch hörbar angesprochen fühlten – bloß die Besucherzahl war, wie gesagt, mäßig. Und sie dürfte sich trotz des suggestiven Titels auch weiterhin in Grenzen halten.

Schade. Der nachdenkliche kleine Streifen teilt sich, wie erste Kassenrapporte aussagen, einem breiten Publikum nicht mit. Er ist zu verhalten, zu introvertiert, bleibt zu sehr Skizze. In der Sprache der Schönhauser: Er kommt nicht so recht aus der Hüfte.

Schwerer wiegt: Es ist dem Film, kritischem Echo nach zu urteilen, nicht überzeugend genug gelungen, die schmerzhafte Auseinandersetzung der jungen Heldin mit dem kindlich verklärten und dem öffentlichen Bild des jäh verstorbnen Vaters (der Ratsvorsitzender war) als dialektischen Reifeprozeß erlebbar zu machen; erlebbar zu machen, daß da nicht Loslösung stattfindet, sondern Ablösung, frühe, allzu frühe Wachablösung. Das Mädchen, das sich gegen den von Selbstmitleid angesäuerten Schmerz der Mutter, gegen deren Tatenlosigkeit wehrt, das auch in der genügsamen Emsigkeit des Bruders nicht leben möchte, das sich den neuen Fragen, den Konflikten, die plötzlich da sind, stellt, dieses äußerlich so zarte Ding ist dem Verstorbnen nachgeraten, seiner Haltung, seiner Unbedingtheit. (…)

Elisabeth trägt ihn unbewußt, dann ahnungsvoll tief in sich. Die Schluß-Sequenz, in der das Mädchen in nie gekannter Wut die blaue Fahne gegen einen betrunknen Rowdy verteidigt, ist so etwas wie die Summe aus dem Schmerz, den Verunsicherungen, den neuen Sichten der letzten Tage, der Tage "danach". Schöne, bewegende Leistung von Vivian Hanjohr, Studentin der Musikpädagogik. (…)

Eine der nachdenkenswerten Figuren ist der Russisch-Lehrer in der vielschichtigen Darstellung von Peter Sodann – nur beeinträchtigt durch sehr eigenwillige Sprachgestaltung, gemeinhin Nuscheln genannt. Vergnügliche und gewichtige Szene, wie er auf der Fahrt zur Demonstration den Gesinnungstest seiner Schüler besteht. Auch er einer aus der Blauhemd-Generation: "Fort mit den Trümmern…", auch da wieder das Motiv der Stab-Weitergabe.

Wie der Film überhaupt eine Reihe anregender Charakterskizzen ins Spiel bringt. Da ist die Gestalt des Parteisekretärs von Alfred Müller, so ein Fester, Ruhiger, doch innerlich Bewegter, da ist die junge, selbstbewußte Arbeiterin Barbara, der Simone von Zglinicki einen ganz eignen, mütterlich zupackenden Charme gibt. Aufstörend Gudrun Ritter s Studie einer an ihrer Liebe Zerbrochenen. Bemerkenswert, wie Lissy Tempelhof die Witwe Martin Haugs in ihren Schwächen, in ihren kleinlichen, unsympathischen Zügen spielt, ohne die Figur in ihrer tragischen Vereinsamung preiszugeben. Nebenrollen, in denen jeweils ein neuer Film steckt.

Ich gebe zu, daß sich mir manches in diesem stillen und spröden kleinen Werk (so auch die etwas verrätselte Vater-Sohn-Geschichte) erst beim zweiten Kinobesuch erschlossen hat. Gelegentliche Verständigungsschwierigkeiten auch der miserablen Tonqualität wegen. Um so bedauerlicher bei einem Film, der eine Menge sagen will.

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