Napoleon auf St. Helena
Napoleon auf St. Helena
Neue Berliner Zeitung – Das 12 Uhr Blatt, Nr. 263, 8.11.1929
(...) Lupu Pick, der im deutschen Film immer eigene Wege gegangen ist und der so manchen fortschrittlichen Gedanken in die Tat umzusetzen vermochte, hat hier wieder ein Meisterwerk filmdramatischer Kunst (wie "Scherben") geschaffen. Wenn man von einer peinlichen Stelle absieht, in der sich der einsame Kaiser Napoleon plötzlich auf sein Volk besinnt, einer Stelle, die den Gang dieses Films nur hemmt, dann kann man die Konsequenz dieser Inszenierung nur loben. Napoleon auf dem englischen Kreuzer, noch ganz der Kaiser, noch ganz im Machtwahn befangen, Napoleon auf der Fahrt nach St. Helena, die Katastrophe vor Augen. Napoleon auf St. Helena, kaum aus der Umwelt heraustretend, ganz in sein Ich versinkend, kaum noch eine geschichtliche Gestalt, nur ein Mensch, dessen eigene Tragik sich zwangsläufig erfüllt.
Pick entwickelt diese Etappen großartig. Zuerst der Glanz der Uniformen, viele Menschen, alles wie in den Tuilerien, die Fiktion wird aufrecht erhalten. Dann die Einkreisung auf St. Helena. Zuerst fallen die Uniformen ab, dann die Menschen, der Ring ist geschlossen, plötzlich liegt nur noch ein Einsamer auf dem Sterbebett, dunkel, verhangen. Pick übersetzt wundervoll ins Bildmäßige, wie der Glanz langsam verdämmert, wie die Menschen verschwinden, wie das Schicksal des Einzelmenschen immer lastender wird, das ist von einer im Film gesehenen Eindringlichkeit. Pick vermeidet äußerst glücklich das Pathos und die Heldenpose, zu der der Stoff so leicht verleitet. Keine Schlachtreminiszenzen, keine pomphaften Hoferinnerungen, alles das schreckt den Krebskranken höchstens noch ab. Die dramatischen Gegenspieler des Bonaparte, der nur als gegenwärtiger Mensch gezeigt wird, sind die Gräfin Bertrand, von Hanna Ralph überlegen gespielt, und der Gouverneur Hudson Löwe, der in die Weltgeschichte, wie Napoleon es prophezeit hat, nur als dessen Peiniger eingegangen ist. Albert Bassermann stellt leider nicht die Kleinlichkeit, das Stockengländertum, die ewige Angst dieser Persönlichkeit, die gar keine war, dar. Er ist zu sympathisch, er hat zu viel Format.
Das ausgezeichnete Ensemblespiel der anderen (Hermann Thimig, Paul Henckels, Lutz Altschul, Erwin Kaiser, Fritz Odemar, Theodor Loos, Philippe Hériat etwas blaß, Suzy Pierson zu geziert) wird überstrahlt von Werner Krauß als Napoleon. Das ist nicht nur eine der größten Leistungen dieses Künstlers, es ist eine der größten Filmleistungen überhaupt. (...)