Summary
"Séraphine" is a filmic portrait of the artist Séraphine Louis, one of the most important representatives of "Naïve Art". France, in 1912: The well-known German art collector Wilhelm Ude moves from Paris to the small town of Senlis to dedicate himself to writing far away from the hustle and bustle of the big city. He employs a housekeeper called Séraphine who at first seems fairly plain but turns out to be quite resolute and cross-grained. One day, Ude who is considered to have discovered the artists Picasso and Rousseau finds a small painting on wood. Impressed by the unconventional style of the piece of art, Ude is all the more surprised when Séraphine of all people turns out to be the paintress. Ude decides to promote her ambitions – and thus helps to launch an important artistic career.
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Der in Paris lebende deutsche Kunstsammler Wilhelm Uhde, der als Entdecker von Pablo Picasso und Henri Rousseau gilt, zieht sich 1912 vom bohèmehaften Dasein in der hektischen Metropole in ein entzückendes kleines Herrenhaus im nordfranzösischen Provinzstädtchen Senlis zurück, um sich in Ruhe dem Schreiben zu widmen – und seinem Lebensgefährten Helmut Kolle. Als Haushälterin stellt er die unscheinbare, aber eigensinnige, ja widerborstige Séraphine Louis (hochverdienter Preissegen für die 1953 in Brüssel geborene Theater- und Filmschauspielerin Yolande Moreau) ein, die als erstes auf einen pittoresken Baum im Park der idyllisch gelegenen kleinen Villa klettert, um einen besseren Blick auf die Landschaft zu haben.
Mit der stets mürrischen Endvierzigerin wechselt der „Boche“, wie er bald im Ort genannt wird, täglich nur wenige Worte. Eines Tages entdeckt Uhde bei einem Nachbarn ein kleines auf Holz gemaltes Bild, das ihn sogleich fasziniert. Zu seiner großen Überraschung stellt sich heraus, dass das Tafelbild von seiner im Ort von allen als verschroben belächelten Putzfrau stammt. Die tief religiöse Séraphine malt, nach eigenem Bekunden der Eingebung ihres Schutzengels folgend, in der Nacht bei flackerndem Kerzenschein und selbstgebranntem Schnaps, den sie „Energiewein“ nennt, zumeist großformatige Stillleben mit leuchtenden, ja aggressiven Farben, deren Bestandteile sie sich aus der ländlichen Umgebung von Senlis zusammensucht: Schlamm aus einem Flussbett, Kräuter vom Feld und Lehm von einem Acker, Tierblut vom Metzger und Kerzenwachs aus der Kirche.
Die Blumen und Früchte, Samen und Blätter auf ihren Bildern haben nichts Idyllisches, Liebliches an sich, sondern wirken im Gegenteil bedrohlich, auch anzüglich. Uhde und seine Schwester Anne-Marie, die ab und an aus Paris vorbeischaut, sind von ihrem Talent überzeugt und fördern Séraphine mit Malutensilien und Leinwänden. Als die Uhdes 1914 kurz vor Kriegsausbruch nach München zurückkehren müssen, kann Anne-Marie nur ein Kleinformat mitnehmen.
Nach Ende des Ersten Weltkrieges kehrt Wilhelm Uhde nach Frankreich zurück und knüpft, nachdem er Séraphines phantastische Bilder in einer kleinen Regionalausstellung entdeckt hat, wieder Kontakt mit seiner früheren Haushälterin. Nun ist auch das kommerzielle Interesse des Sammlers der „modernen Primitiven“ geweckt und er unterstützt Séraphine mit größeren Beträgen, sodass sie in eine größere Wohnung umziehen kann. Als Ude 1929 in Paris die Ausstellung „Les peintres du Coeur sacré“ organisiert, hängen Séraphines Werke neben denen von Rousseau...
Auf Martin Provosts durch seine langen, häufig auch stummen Einstellungen durchaus gewöhnungsbedürftigen Spielfilm muss man sich einlassen. Er tastet sich behutsam an das Phänomen „Séraphine“ heran, ohne dieses erklären zu wollen, und wissenschaftlich schon gar nicht. Dieser so unprätentiöse wie stimmungsvolle Film ist auch kein Biopic der beiden Außenseiterfiguren, die in seinem Mittelpunkt stehen. Er unterschlägt keineswegs die „dunkle Seite“ Uhdes, der seine Homosexualität nicht offen auszuleben vermag, woran letztlich auch seine Beziehung zum jungen Maler Kolle scheitert, schwächt sie aber bedeutend ab: Ulrich Tukur ist ein durch und durch sympathischer Sammler und Händler, den allein äußere Umstände wie der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre dazu getrieben haben, seinen 1864 in Arsy (Oise) geborenen und 1942 im Irrenhaus von Clermont-de-l'Oise verstorbenen Schützling gleich zweimal im Stich gelassen zu haben.
Andererseits verkörpert die großartige Yolande Moreau eine einfache, herbe und äußerlich robuste Frau, die sich nachts in eine lodernde Flamme verwandelt, in eine Besessene. Die mit ihrem beginnenden künstlerischen Erfolg weder psychisch noch materiell umgehen kann: Die Neider aus dem Dorf setzen ihr nicht weniger zu als die eigenen wachsenden Ansprüche. Als sie nach der Pariser Ausstellung dreitausend Franc für den Kauf eines eigenen Hauses einfordert, muss Uhde passen. Séraphine verfällt immer stärker ihren Wahnvorstellungen, zieht sich ein Brautkleid an und verteilt all' ihre Wertsachen im Ort. Sie muss das Kleid bald mit der Zwangsjacke tauschen und landet für die letzten sieben Jahre ihres Lebens in einer Nervenheilanstalt.
Uraufgeführt am 7. September 2008 auf dem Toronto Int. Filmfestival, fand am 11. November 2008 die Deutsche Erstaufführung bei den Französischen Filmtagen Tübingen und Stuttgart statt. Die Erstausstrahlung erfolgte am 5. Februar 2011 im „Dritten“ des Bayerischen Rundfunks. 2009 gabs allein sieben Césars u.a. für Yolande Moreau als „Beste Hauptdarstellerin“, die später auch Festivalpreise in Kairo, Dublin und Newport erhielt sowie den Los Angeles Film Critics Association Award, den National Society of Film Critics Award und den französischen Filmpreis Étoile d’or du cinéma français.
Pitt Herrmann