In Heaven

Österreich Deutschland 1998 Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Michael Bindlechners hochgelobter, vielfach preisgekrönter Film „In Heaven“ beginnt wie eine sozialkritische Studie der niederösterreichischen Provinz vor den Toren Wiens. Xaver Hutter, ansonsten eher ein Leinwand-Sonnyboy, spielt Csiwi, den jüngeren Bruder eines Kraftfahrzeug-Mechanikers, der ohne Lizenz eine ziemlich heruntergekommene Werkstatt mit Schrottplatz betreibt. Der Vater ist abgehauen, die Mutter lebt mit einem „Neuen“ zusammen, der ohne Arbeit und Selbstvertrauen ist. So bleibt Csiwi sich selbst überlassen: 17 Jahre und ohne Freunde, schlimmer noch: ohne Freundin, ja ohne jegliche intime Erfahrung mit dem weiblichen Geschlecht.

Nachts klaut Csiwi den Mercedes seines Bruders und unternimmt Spritztouren. Die Tristesse der von Industriebrachen und Bahngleisen geprägten Gegend wird unterbrochen durch romantische Sonnenuntergänge hoch über der Donau mit herrlichem Blick auf das Flusstal und einer Ahnung vom gar nicht so fernen Wien. Bei strömendem Regen nimmt Csiwi an einem Straßenstrich eine, so scheint es jedenfalls, Prostituierte in „seinem“ Wagen mit. Doch Valeska (die zarte Sylvie Testud), eine in Frankreich aufgewachsene Polin, jobbt in der Küche einer Gartenwirtschaft inmitten dieser Provinz-Einöde und träumt davon, weiter durch Europa und die Welt zu reisen.

Die unkomplizierte Annäherung der beiden, aus der bald Freundschaft, ja eine zarte Liebe wird, gehört zu den schönsten Seiten dieses ganz unspektakulären, ja geradezu unösterreichischen Österreich-Films, der gänzlich der TV-Ästhetik verhaftet ist und dennoch völlig zu Recht in den Programmkinos lief. „In Heaven“ ist so untypisch, weil er weder zu den unsäglichen Austro-Komödien-Klamotten gehört noch den selbstzerfleischenden Austro-Sozialschockern zuzurechnen ist. „In Heaven“ ist ein lakonischer Streifen ohne spektakuläre Ereignisse oder Wendungen, der wie die Donau ruhig in der güldenen Abendsonne gen Süden fließt.

Das Leben abseits der Metropole(n) ein ruhiger Fluss? Csiwi lernt Levi (Merab Ninidse) kennen, einen polnischen Arbeiter, der im Eiskeller einer Fabrik vor den Toren der Hauptstadt beschäftigt ist und wie Valeska von der großen, weiten Welt träumt. Für einen Ferrari-Superschlitten spart er jeden hart erarbeiteten Groschen, kleine Schiebergeschäfte mehren den Sparstrumpf. Csiwi, der technisch versierte „Nichtsnutz“, sorgt für eine zünftige Hochzeit polnischer Arbeitskollegen von Levi, indem er eine alte Lichtmaschine in Gang setzt. Lebensfreude pur unter den Ärmsten der Armen.

„In Heaven“ führt eine andere Welt vor, und das nicht nur, weil diese in der Abgeschiedenheit der Provinz angesiedelt ist. Die „kleinen Leute“, Außenseiter einer Gesellschaft, die selbst gar nicht ins Blickfeld der Kamera gerückt wird, können es sich in aller Bescheidenheit schon „richten“, wie man in Österreich zu sagen pflegt. Und schließlich: Eine Hand wäscht die andere.

Das Trio Csiwi, Valeska und Levi bleibt zusammen und beschließt, gemeinsam auszuwandern. Doch Valeska lässt sich ein längst abgelaufenes Flugticket nach Mexiko andrehen und die Träume platzen - nicht jedoch die menage a trois. Für einige Zeit zumindest - im Gartenhäuschen, auf Autositzen, an der Autobahn bei Nacht oder auf einem entlegenen Platz oberhalb der Donau. Michael Bindlechner führt vor, dass die große, weite Welt auch daheim liegen kann.

Das Ende freilich erscheint arg konstruiert. Levi kommt im Eiskeller um, Valeska reist doch noch in die exotische Ferne und lässt Csiwi allein zurück. Letzterer ist der Ich-Erzähler, der die Episoden einer großen Freundschaft aus der Rückschau offenbart. Sein trister Alltag wird sich nun wohl nicht mehr ändern, so bleibt ihm nur die Erinnerung. Oder eine nächste unvermutete Begegnung...

Neorealistisches Sehnsuchts-Kino aus dem österreichischen Niemandsland, gezeichnet wie von Edward Hopper: Die deutschen Kritiken nach der Uraufführung auf den Int. Filmtagen Hof fielen ausgesprochen positiv aus für den ersten Spielfilm des österreichischen Regisseurs Michael Bindlechner, der bis dahin als Kameramann gearbeitet hatte, einschließlich großem Lob für das Protagonisten-Trio und die Kameraführung Michael Kaufmanns. Xaver Hutter erhielt für seine Verkörperung des Csiwi den Nachwuchspreis auf dem Saarbrücker Max Ophüls-Festival 1999.

Pitt Herrmann

Credits

All Credits

Duration:
102 min
Format:
35mm, 1:1,85
Video/Audio:
Farbe, Dolby SR
Screening:

Uraufführung (DE): 30.10.1998, Hof, Internationale Filmtage;
Kinostart (DE): 16.10.1999

Titles

  • Originaltitel (AT) In Heaven

Versions

Original

Duration:
102 min
Format:
35mm, 1:1,85
Video/Audio:
Farbe, Dolby SR
Screening:

Uraufführung (DE): 30.10.1998, Hof, Internationale Filmtage;
Kinostart (DE): 16.10.1999