(Lust-)Spiel der Geschlechter: Hosen- und Rockrollen

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(Lust-)Spiel der Geschlechter: Hosen- und Rockrollen

Er sei ein Mann, gesteht Jack Lemmon am Ende von Billy Wilders Hollywood-Klassiker "Manche mögen’s heiß", als er sich in Frauenkleidern vor seinem Verehrer die Perücke herunterreißt – dessen Antwort war knapp: "Nobody's perfect!" Geschlechtliche Identität, die Zuschreibung von Männlichkeit und Weiblichkeit, ist im Kino immer eine zentrale, heikle und nicht selten eine offene Frage gewesen. Von Beginn an widmete sich der Film als Illusion der bewegten Bilder jener zentralen Zuschreibung, die zuerst über den Augenschein geleistet wird. "Männlich oder weiblich", schrieb Sigmund Freud, "ist die erste Unterscheidung, die sie machen, wenn sie mit einem anderen menschlichen Wesen zusammentreffen, und sie sind gewöhnt, diese Unterscheidung mit unbedenklicher Sicherheit zu machen."

Quelle: DIF
"Der Himmel auf Erden" (1926) – Reinhold Schünzel im Abendkleid
 

Diese vermeintliche Sicherheit ins Wanken zu bringen, ist das Prinzip der Travestie. Das Crossdressing, das Hineinschlüpfen in die Kleider des anderen Geschlechts, erfreute sich gerade in der Filmkomödie der Weimarer Republik großer Beliebtheit. Beispielhaft dafür stehen u.a. Ossi Oswalda als Chauffeur in "Amor am Steuer" (1921), Reinhold Schünzels Maskerade als mondäne Nachtclub-Besucherin in "Der Himmel auf Erden" (1927), Elisabeth Bergners Hosenrolle in "Dona Juana" (1927), Max Hansens Auftritt als Sängerin in "Die – oder keine" (1932) und die Bühnenmaskerade von Fritz Schulz, der in "Drei Tage Mittelarrest" (1930) als Soldat eine Soldatenbraut gibt. Einerseits konnten diese Rollenspiele auf eine Bühnentradition aufbauen, die zur Zeit der Weimarer Republik eine Hochphase erlebte. Die Hosen- und Rockrollen waren im Theater sehr beliebt – von den einschlägigen Klassikern William Shakespeares bis zu Brandon Thomas' Publikumsrenner "Charley's Tante". Auf der Kabarett-Bühne wurden Wilhelm Bendow und Hubert von Meyerinck mit Travestienummern zu Publikumslieblingen der 1920er Jahre. Andererseits existierte auch eine langjährige Kinotradition: Schon in der Kaiserzeit entwickelte sich das Spiel um Geschlechterrollen (oftmals in Form der Hosenrollen-Komödie) in Filmen wie "Es wär so schön gewesen" (1910) und "Der Sieg des Hosenrocks" (1911), in Ernst Lubitschs "Ich möchte kein Mann sein" (1918) und in "Aus eines Mannes Mädchenzeit" (1913), in dem Wilhelm Bendow sich in einer Rockrolle als Dienstmädchen ausgibt. Die Einschätzungen der filmhistorischen Forschung zu diesen Frühformen allerdings gehen auseinander. Thomas Brandlmeier beispielsweise versteht "Aus eines Mannes Mädchenzeit" als Ausnahme einer regressiven Regel: "Das Travestieschema des deutschen Kinos ist seit eh und je nicht die verführerische Täuschung, sondern die Ridikülisierung des falschen Geschlechts." Heide Schlüpmann hingegen betont die Rolle der Filmrezeption für "das Spiel mit der männlichen und der weiblichen Rolle": "Der Bezug der wilhelminischen Zeit auf ein weibliches Publikum ist – anders als in der Weimarer Republik – unübersehbar."

Quelle: SDK
Renate Müller, Adolf Wohlbrück in "Viktor und Viktoria" (1933)
 

Eine Sternstunde des Crossdressing in der Weimarer Republik, des Spiels mit Rock- und Hosenrolle, bietet Richard Eichbergs "Der Fürst von Pappenheim" (1927) – hier bestreitet Curt Bois als Mannequin eine Modenschau, während zugleich Mona Maris den Conférencier im Frack gibt. Als sie dann auch noch ihren ebenfalls im Frack erschienenen Verlobten küsst und dabei von ihrem nichtsahnenden Vater beobachtet wird, bemerkt dieser nur mit freundlichem Augenzwinkern: "Ich bin vielleicht altmodisch, wenn ich es bevorzuge, weibliche Lippen zu küssen." Einen nicht minder modernen, freien Umgang mit Rollenbildern und Sexualität lieferte schließlich Reinhold Schünzels Erfolgskomödie "Viktor und Viktoria" (1933). In diesem Überhang des Weimarer Kinos in die NS-Zeit wird das ständige Wechseln der Hauptdarstellerin Renate Müller zwischen weiblicher und männlicher Rolle zum Motor des Films. Ein typisches Beispiel für den leichten Umgang Reinhold Schünzels mit Vorurteilen und Stereotypen – und zugleich ein besonderer Höhepunkt, wie der Filmhistoriker Wolfgang Theis betont: "Kein schwuler Regisseur hat sich getraut, so hemmungslos wie Schünzel in 'Viktor und Viktoria' die ehernen Grenzen zwischen Homo- und Heterosexualität zu verwischen."

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