Interview mit Kerstin Stutterheim

Titel

Interview mit Kerstin Stutterheim
"Ein zentraler Aspekt des dokumentarischen Porträts besteht darin, zwischen privat und persönlich zu unterscheiden"
Quelle: Dokumentarfilminitiative, © Mathis Hanspach
Kerstin Stutterheim

Einige Fragen an Kerstin Stutterheim, Regisseurin ("Fliegen und Engel. Ilya & Emilia Kabakov und die Kunst der 'totalen' Installation")

Worin besteht für Sie die Faszination des dokumentarischen Porträts?

Vermutlich besteht diese für Publikum wie für AutorIn/RegisseurIn darin, fremde oder neue Menschen kennen zu lernen, zu denen man sonst kaum in einen so intensiven Kontakt treten könnte.
Für mich besteht die Faszination am dokumentarischen Porträt zudem darin, dass es sich um Personen handelt, deren Leben schicksalhaft, beispielhaft verdichtet, auch Mut machend und oft Staunen lassend verlaufen ist. Zumeist stehen deren Biographien exemplarisch für viele Andere, denen ähnliches, vielleicht in Varianten oder abgestufter Form geschehen ist. Im dramaturgischen Sinne Menschen, deren Leben sozusagen verdichtet verlaufen ist oder gerade verläuft.

Welches sind Ihrem Verständnis nach die wesentlichen dramaturgischen Parameter einer künstlerischen Filmporträts?

Aus meiner Sicht besteht eines der wichtigsten Parameter darin, einen dokumentarischen Film wie jedes andere Werk dramaturgisch vorzustrukturieren. Also ein Konzept zu haben, sich über die eigene Intention im Klaren zu sein, um bei den Überraschungen und Unwägbarkeiten, die das dokumentarische Arbeiten mit sich bringt, flexibel im Sinn der geplanten Geschichte reagieren zu können und sich dabei nicht zu verlaufen. Da dokumentarische Filme, wenn sie nicht gerade re-enacted sind, auf das Geschehen reagieren oder Teil dessen sind, kann man sich an den Modellen der offenen Form orientieren und hat dadurch größere gestalterische Spielräume. Aber ein dramaturgisches Konzept gibt meiner Erfahrung nach eine Sicherheit während der Dreharbeiten.
Ein weiterer zentraler Aspekt besonders für ein dokumentarisches Porträt besteht für mich darin, zwischen privat und persönlich zu unterscheiden und einen entsprechenden Zugang zu entwickeln. Es gilt, ein der Person und gleichermaßen meiner Intention entsprechendes Konzept für ein filmisches Porträt zu entwickeln, das mich / uns in die Lage versetzt, das Projekt realisieren zu können. Mir geht es darum, genau die Momente, die das Besondere der Biographie oder der Person, für die ich mich interessiere, ausmachen, prozesshaft zu den Lebensumständen in Beziehung zu setzen und dies möglichst in einem dramaturgisch ausgewogenen Rhythmus zu tun.

Quelle: Real Fiction, DIF, © Jasper Stutterheim
Ilya Kabakov in "Fliegen und Engel" (2009)

Wie würden Sie ihre Annäherung an die Künstler Ilya und Emilia Kabakov beschreiben?

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Die Annäherung hier lief vor allem über die Professionalität. Für die Zustimmung der Kabakovs zu dem Projekt war es wichtig, dass wir überzeugend vermitteln konnten, dass wir wissen, was wir tun und die Kunst Kabakovs verstehen, und dass wir in unserer filmischen Arbeit dieser gerecht werden, sie adäquat umsetzen können und würden. Es gab ein freundschaftlich professionelles Miteinander, eine sehr großzügige Unterstützung und sonst alles das, was eine Filmproduktion begleitet. Wir stehen nach wie vor in Kontakt.

Welchen Stellenwert hatte, welche Rolle spielte die Kamera in Ihrer Arbeit mit den Kabakovs?

Aus dem gerade geschilderten Umstand, dass ein zentrales Anliegen darin bestand, die Kunst ästhetisch adäquat umzusetzen, wird deutlich, dass die Kameraarbeit eine große Rolle spielt. Niels Bolbrinker hat in seiner Arbeit insbesondere die häufig extrem schwierigen Lichtverhältnisse in ein filmisches Bild transferiert, ohne die Stimmung zu verändern, und gleichzeitig das jeweilige Werk zur Wirkung zu bringen. In anderen Arbeiten waren wiederum die Platzverhältnisse extrem, was die Kameraarbeit auf andere Art erschwerte.

Kabakov verkörpert einen Künstlertypus, der sehr von seiner Sozialisation, von der Gesellschaft, in der er lebte, geprägt ist – was bedeutete das für ihr Filmporträt "Fliegen und Engel"?

Kabakov als zentraler Künstler der Konzeptart und der Postmoderne, spielt in seinen Installationen mit der Neugierde des Publikums für das Private. Dabei wird er selber nie privat. Er schöpft aus persönlichen Erlebnissen, aus Erfahrungen, die er machte oder auch nur beobachtet hat. Das ist das Spiel, das er mit dem Publikum spielt, wenn er die Grenze zwischen der realen Biographie und fiktiven Erweiterungen fließend gestaltet. Manche der Arbeiten erwecken den Anschein des Faktisch-Realen, man weiß aber eigentlich nicht genau, ob diese tatsächlich aus seiner eigenen Biographie schöpfen. Andere Arbeiten werden von den Besuchern eher als fiktive Werke wahrgenommen, speisen sich aber in einigen Details aus seiner Biographie. Kabakov ist ein konzeptioneller Künstler, in dessen Werken die persönliche Erinnerung oder eine Spiegelung persönlicher Ereignisse referenziell eingesetzt wird.

Machen Sie einen wesentlichen Unterschied zwischen einem Porträt und einer Biographie?

Das ist eine schwierige Frage der Kategorisierung. Vielleicht kann man beide Begriffe im Ansatz insofern unterscheiden, dass man sagen kann: In einem Porträt spielt die Biographie selbstverständlich mit hinein, ist aber eher nachrangig. In einem dokumentarischen Porträt geht es vor allem darum, die Person und ihr Wirken vorzustellen, ohne dabei ein ganzes Leben nachzuzeichnen. Eine Biographie zielt meines Erachtens eher darauf ab, eine Lebensgeschichte nachzuzeichnen, das Wirken eines Menschen im Kontext darzustellen und weniger im Moment zu sein.

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