Film und Kino an der Front und in der Heimat

Titel

Film und Kino an der Front und in der Heimat
Quelle: Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen
"Sturmzeichen" (1914)

Das Kino an der Front

Über die Bedeutung des Kinos im Alltag der Kriegsjahre geben zeitgenössische Berichte und Artikel Auskunft. An der Beliebtheit von Spielfilmen lassen diese Quellen keinen Zweifel. Das gilt für die Soldaten, die die frontnahen Feldkinos besuchen, genauso wie für das Kinopublikum in der Heimat. Zu den bevorzugten Genres in den Feldkinos gehören Melodramen und Komödien, die auch als Lustspiele oder Humoresken bezeichnet werden.

Der Wert solcher Genrefilme wird von Beobachtern hoch eingeschätzt, weil sie den Soldaten Zerstreuung böten. Im Mai 1916 berichtet ein Feldarzt, dass sich "[a]n der Front, im Einerlei des Stellungskrieges, nach den Kampftagen des Schützengrabenringens […] der Kino als 'nervöses Heilmittel', als ein einflußreicher Faktor bei Überregtheit und Depression" erweise. Vor dem Hintergrund der verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber der "Todesmöglichkeit" und gemeinsam durchlebter Todesgefahren fielen an der Front "in gewissen Momenten trennende Distanzen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen weg": "Nicht daß Vertraulichkeiten entstünden! – Aber die Stimmung ist da draußen doch ganz anders. Vor allem, die Wirkung der Films ist oft paradox. Ich habe nie mehr tosendes Gelächter gehört, als wenn Filme aus den Schützengräben, Arbeiten an Befestigungen usw. vorgeführt werden. Die Soldaten machen sich über ihre Ebenbilder lustig. Wenn sie die emsig hackenden, hämmernden Kameraden sehen, so erweckt das bei ihnen unbändige Lachsucht. Der Kino verschnellert und 'verzuckelt' das Tempo der Bewegungen ins Drastische. Und die Zurufe zu den Bildern sind ungeniert. Die hohen Vorgesetzten machen selbst welche, und die Soldaten geben ihre Kritik freimütig. [...] Und alles lacht. Die Unwahrhaftigkeiten gestellter Kriegsfilms erregen eine schallende Heiterkeit. Das Lokal wird vom Lachen erschüttert. Was zuhause ehrfürchtig angestaunt wird, wird hier unbarmherzig abgetan." (Der Film, Nr. 18, 27.5.1916)

Quelle: Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen
"Durchlaucht amüsiert sich" (1917)

Während die ernsten Dokumentarfilme unter den Soldaten für ungewollte Heiterkeit sorgen, vergessen sie bei den Spielfilmen ihre Sorgen und Nöte. Was der Feldarzt schreibt, bezieht sich offenbar auf Verwechslungskomödien wie "Durchlaucht amüsiert sich" (1917) und "Der karierte Regenmantel" (1917) oder auch tränenreiche Melodramen wie "Die Liebe der Maria Bonde" (1917): "Und gerade Friedensbilder, Szenen aus der Heimat, lustige Verwickelungen, auch sentimentale Liebes- und Heiratsgeschichten, wo hübsche Frauen und elegante Herren, reiche Wohnungen und Villen, herrliche Gärten und gesellschaftliche Szenen vorkommen, finden ungeteilte Anerkennung. – Aber trotzdem wird falsche Sentimentalität sofort erkannt und mit Hohn und Gelächter begleitet, mit Zurufen, als ob die auftretenden Personen lebend Beifall und Mißfallen hier quittierten. Die mitschaffende Phantasie wirkt äußerst realisierend. Und wenn man beobachtet, wie sehr die Soldaten von den Eindrücken gefesselt werden, so ist man auch vom guten Einfluß, von dem Befreienden, Erleichternden einiger schnell verbrachter Stunden im Kino überzeugt. Die Burschen vergessen ihren Dienst, den Krieg, ihre Sorgen und geben sich wie Kinder, ganz ungeteilt, dieser Abwechslung hin. […] Man kann nicht leugnen, daß die Besucher tatsächlich doch Kenntnisse gewinnen, die ihnen früher fremd geblieben. Daß sie Anregungen erhalten und neue Erlebnisse, daß sie in gewissem Sinne geistige Beweglichkeit erwerben und Einblicke in ihnen früher verschlossene Schichten erhalten. – Das sind doch Vorzüge, die dem Kino seine Beliebtheit draußen sichern und ihm auch bei denen, die ihm etwas mit Abneigung gegenüberstanden, Boden gutmachen. Die Kinos in der Front sind also mehr wie nur 'Amüsierlokale', und ihre Tätigkeit kann man nur billigen und unterstützen!" (Der Film, Nr. 18, 27.5.1916)

Quelle: Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen
"Die Liebe der Maria Bonde" (1917)

Auch hohe Vertreter des Militärs bestätigen die Ansicht, dass vor allem Komödien der Entspannung der Soldaten förderlich seien. Dazu zitiert Der Film am 3. März 1917 den preußischen Kriegsminister von Stein mit den Worten: "Es ist wichtig, daß der Soldat von den schweren Eindrücken der Arbeit und des Kampfes bisweilen abgezogen wird. Die Mittel sind verschieden und wirken verschieden. Das Kino war immer beliebt. Am meisten sagten humoristische Darstellungen zu. Die Zuschauer fühlen sich in die bewegten Bilder hineingezogen. Sie nehmen unmittelbaren Anteil an den Erscheinungen. Daher geht es in den Kinos nicht still zu. Die Zuschauer machen ihre Bemerkungen und geben ihre Teilnahme durch kritische, witzige und oft sehr drastische Ausrufe kund. Helles Gelächter beweist die Freude an dem Geschauten. Von den in Ruhe befindlichen Mannschaften 'ersaßen' sich viele mit größter Beharrlichkeit die Teilnahme an mehreren Vorstellungen hintereinander. Sie wurden also keineswegs ermüdet oder der Sache überdrüssig. […] Ich habe die Mannschaften die Vorstellungen immer mit fröhlichen Gesichtern verlassen sehen, ein Beweis, daß sie nach schweren Eindrücken des Krieges wieder freundlichere Bilder in sich aufgenommen hatten."

Diese Äußerungen und die Bemühungen um den Ausbau von Feldkinos und die Aufrechterhaltung des heimatlichen Kinobetriebs trotz Strommangel und Kohlenrationierung sprechen für die steigende Wertschätzung der gesellschaftlichen Institution Kino durch die militärische Führung. Im Lager der deutungsmächtigen Verfechter der Kinoreform, also unter Pädagogen, Juristen, Kirchenvertretern und anderen Gegnern der Massenkultur, stößt der Geisteswandel auf erbitterte Opposition. Eine Deutung des Kinos als Heilmittel für Nervosität kommt in diesen Kreisen einer Provokation gleich. Der Standardvorwurf lautet hier nämlich, dass das Kino "nervenzerrüttend" wirke.

Quelle: Bundesarchiv-Filmarchiv
"Bilder aus der großen Schlacht" (1917)

Dementsprechend lehnt beispielsweise der als Frontkämpfer vorgestellte Autor des Artikels "Fronttheater oder Frontkino?" in der Deutschen Tageszeitung vom 21. April 1917 den Film als Unterhaltungsmittel allgemein ab. Speziell zielt seine Kritik auf nachinszenierte Kriegsfilme: "Man denke nur das eine. Ein Mann, der monatelang nichts weiter gesehen hat wie seine Kameraden, seinen Unterstand und sein Stück Graben, wie das gegenüberliegende des Feindes, wird eines Tages ins Kino geführt. Er sitzt im dunklen Raum und harrt des Geschehens. Auf einmal hinter ihm das Surren eines Fliegers, und vor ihm fangen flimmernd auf der Leinwand schweigende Gestalten zu huschen und sich in verzerrten Regungen zu bewegen an. Schwupp! Ein Bild verschwindet und zusammenhanglos flimmert das neue. Man kommt sich, ich habe es schon oft an mir und anderen erlebt, vor, als hätte einen der böse Geist plötzlich in einen Hexenkessel bugsiert. – So geht das nun geschlagene zwei Stunden. Wenn man der Hölle entschwunden ist, ist man von der Fülle der Gesichte so benebelt, daß man wenige Tage darauf nicht mehr weiß, was man eigentlich gesehen hat. Aber schön war’s doch! Armer Michel! Die gedachte Zerstreuung wurde zur Verwirrung, und der moralische Wert gleich Null. Meist aber sogar unter Null, da die Filme – solche lediglich für Frontsoldaten sind Gott sei Dank noch nicht im Schwange – für die abgestumpften Nerven des Großstädters berechnet sind, und das Weib, fast ausnahmslos in seiner nicht gerade vorbildlichen Seite, im Brennpunkt des Geschehens steht. Unsere Nerven wurden im Feuer der Schlachten gestählt, und wir brauchen eine Kost, die gut, nahrhaft und kernig ist, auch fürs geistige Leben. In schlechten, nervenkitzeln sollenden Films können wir uns nur den Magen verderben."

Besondere Empörung ruft das Nebeneinander von dokumentarischen Kriegsfilmen und gewöhnlichen Unterhaltungsfilmen im gleichen Programm hervor. Ein Leserbrief in der Deutschen Tageszeitung vom 19. März 1917 prangert eine wahrscheinlich verbreitete, zweigleisige Programmpraxis an: Der Kinobetreiber nimmt auf den Wunsch des Durchschnittspublikums nach Ablenkung Rücksicht, will sich aber auch nicht die direkte Subventionierung offizieller Propagandafilme entgehen lassen. Der Leserbriefschreiber klagt über die Verführungskraft und das "schillernde Gift" des Kinos: "Ein Stück des heiligen deutschen Kampfes ist hier in das Gewühl von Schund und Jux geraten. Ein Bild vom Kampf auf Leben und Tod steht hier mit einem Male zwischen Unsinn und Widerlichkeit. Wer glaubt da noch an eine tiefgreifende Wirkung von Schlachtenbildern, wer will angesichts eines solchen Unterhaltungsprogramms noch von ethischer Wirkung von Kriegsbildern sprechen?"

Quelle: DIF
"Fräulein Leutnant" (1914)

An der Heimatfront: "Die Kriegerfrauen und das Kino"

Diese Stimmen aus der Deutschen Tageszeitung artikulieren zwar keine Mehrheitsmeinung, doch die Ablehnung gestellter Kriegsfilme ist verbreitet. Bemängelt werden sie aus einer Perspektive, die den eigentlichen Grund für den Kinobesuch in der Zerstreuung sieht. Das trifft nicht nur für das Publikum der Feldkinos zu, sondern in gleichem Maße für das nichtsoldatische Publikum in der Heimat.

Die Vossische Zeitung vom 22. August 1916 unterstreicht die günstigen Effekte der Zerstreuung. In der damaligen Diskussion darüber, ob die "Kriegerfrauen" die ihnen gezahlten städtischen Unterstützungsgelder auch für den regelmäßigen Kinobesuch verwenden dürften, bezieht die Zeitung Stellung für die Frauen und für das Kino. Vorangegangen war die Drohung des Gemeindevorstandes im sächsischen Weida, solchen Kriegerfrauen die Unterstützung zu entziehen.

Der Artikel "Die Kriegerfrauen und das Kino" wendet sich unausgesprochen gegen die Kinoreformer und deren patriarchalische Prinzipien. Zugleich hebt er das Kino in den Stand einer volksgesundheitlich wichtigen Einrichtung: "Der durchschnittliche Preis für den Kinobesuch in kleinen Ortschaften von der Größe Weidas beläuft sich auf etwa 30 Pfennig; einen nicht unangemessenen Betrag für die Zerstreuung selbst unterstützungsbedürftiger Kreise. Diese bescheidene Zerstreuung aber hat ihre menschliche, d.h. ihre moralische wie soziale Berechtigung und sollte nicht ohne weiteres von Amts wegen und unter Androhung einer existenzgefährdenden Buße verboten werden dürfen. Man wolle doch bedenken: die Kriegerfrau weiß ihren Mann, d.h. ihr Liebstes auf der Welt, irgendwo in Ost oder West. Sie kennt aus seinen Berichten wie aus den Zeitungen die tausenderlei Gefahren, die ihn auf und unter der Erde wie aus der Luft bedrohen.

Quelle: DIF/Nachlass Wolfgang Filzinger
Dokumentarfilmer Wolfgang Filzinger auf dem Bahnhof von Pontfaverger, März 1915

Tagsüber hat diese Frau ihre Berufsarbeit oder die Wartung ihrer Kinder, die ihre Gedanken ablenken und ihrer Phantasie keine Zeit zu freier Betätigung lassen, abends aber ruht die Arbeit, ruhen die Kinder. Einsamkeit bedrängt die Frau, und ihre Einbildungskraft fängt an, ihr beängstigende und schreckliche Bilder vorzugaukeln. Was Wunder, daß sie da, zur Vertreibung grauser Gesichte, nach einem Abwehrmittel greift, nach der volkstümlich gewordenen Zerstreuung des 'Kinos'? Vielleicht auch hofft sie, durch die Kriegsdarstellungen der Lichtspielbühne schärfer umrissene Begriffe von dem gegenwärtigen Wirkungskreis ihres eigenen Mannes zu bekommen. 'Und darum Räuber und Mörder!' Kein einsichtig und duldsam denkender Mensch wird den ohnedies schwer geprüften, tapferen Frauen unserer Krieger aus solchem harmlosen und nur allzu begreiflichen Bedürfnis einen Vorwurf zu machen wagen. Und dann noch eins: man scheuche doch nicht mit der rauen Hand des Gesetzes die letzten Reste von Daseinsfreude und Frohsinn aus der Welt! Die Todesreiter, die heut unausgesetzt über die Erde jagen, tun das ihre, Heiterkeit und Sorglosigkeit zu bannen. Aber jedes Leben, das gelebt werden will, braucht eine gewisse Dosis Freude; just so wie die Pflanze den Sonnenschein. Diesen Fetzen Freude entreiße man nicht auf bureaukratischem Wege den Frauen, die die Mütter der nächsten Generation sind! Denn die künftigen deutschen Geschlechter brauchen gewiß den Ernst, aber ebenso gewiß auch das Lachen." (Vossische Zeitung, Nr. 428, 22.8.1916)


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