Die DEFA-Indianerfilme

Titel

Die DEFA-Indianerfilme
Quelle: DIF© DEFA-Stiftung, DEFA-Pathenheimer
Gojko Mitic in "Die Söhne der großen Bärin" (1966)
 

Vier Jahre nachdem Harald Reinls erster Karl-May-Film "Der Schatz im Silbersee" 1962 den Startschuss für die erfolgreiche Welle westdeutscher Western gegeben hatte, begann die DEFA mit der Produktion eigener Western-Versionen. Die DEFA-Indianerfilme wurden dabei auf mehr als einer Ebene zum Gegenstück der Westproduktionen von Horst Wendlandt und Artur Brauner. Wesentlich stärker als bei den Karl-May-Verfilmungen der BRD, die neben Pierre Brice als Apachenhäuptling Winnetou stets einen ebenso edlen "weißen Blutsbruder" – zumeist in Gestalt von Lex Barker als Old Shatterhand – aufmarschieren ließen, konzentrierten sich die DEFA-Produktionen auf die indianischen Protagonisten – und auf das, was sie als "historische Wahrheit" und die "großen persönlichen Entwicklungen der Indianer" verstanden.

Historischer Materialismus

Quelle: DIF© DEFA-Stiftung, DEFA-Daßdorf
Gojko Mitic (3.v.l.) in "Ulzana" (1974)
 

1966 – im selben Jahr kam mit "Winnetou und das Halbblut Apanatschi" einer der letzten Winnetou-Filme in die BRD-Kinos – entstand mit "Die Söhne der großen Bärin" der erste Indianerfilm der DEFA. Er beruhte auf einem international erfolgreichen mehrbändigen Roman von Lieselotte Welskopf-Henrich, die auch das Drehbuch verfasste. Wie die Korrespondenz zwischen Welskopf-Henrich und der Studioleitung belegt, war die DEFA ausdrücklich um eine historische Genauigkeit bemüht, die den BRD-Western kaum wichtig war. Deutlich spürbar vermittelte sich hier der didaktische Anspruch eines historischen Materialismus, der durch die Betonung des Alltags der amerikanischen Ureinwohner die Filme weniger als Western, sondern stärker als "historische Abenteuerfilme im Milieu der Indianer" kennzeichnete. Gleichwohl fanden auch die Produktionen der DEFA-Indianerfilme ihre Drehorte immer wieder in jenen Teilen Jugoslawiens, in denen auch die Winnetou-Filme entstanden.

Erfolge und ihr Star: Gojko Mitić

Quelle: DIF© DEFA-Stiftung
Gojko Mitic in "Der Scout" (1983)
 

Auf Anhieb konnte "Die Söhne der großen Bärin" in der DDR acht Millionen Besucher für sich gewinnen. Was nicht zuletzt am Star des Films lag: Gojko Mitić hatte bereits als Nebendarsteller in fünf Karl-May-Western mitgewirkt, bevor er als physisch wesentlich beeindruckenderes Pendant zu Winnetou die tragende Säule in zahlreichen DEFA-Produktionen wurde. Obwohl Gojko Mitić im Gegensatz zu Pierre Brice in wechselnden Indianer-Rollen zu sehen war (z.B. als Titelheld in "Chingachgook – die große Schlange", in "Severino" und "Osceola" sowie zweimal als Ulzana in "Apachen" und "Ulzana"), war er dennoch in der DDR ebenso beliebt wie Brice im Westen. Ähnlich waren sich die unterschiedlichen Heldenfiguren von Brice und Mitić auch in Teilen ihrer kulturellen Funktion. Beide Indianer-Wellen bedeuteten auch vergleichsweise konservative Antworten auf Neuanfänge: Im Westen kontrastierte der versöhnlich-eskapistische Ausflug in die Karl-May-Welt den Aufbruch zum Neuen Deutschen Film mit dem Oberhausener Manifest, das im selben Jahr wie Reinls "Der Schatz im Silbersee" veröffentlicht wurde. Im Osten begann die Welle der politisch korrekten DEFA-Indianerfilme, als nach dem ZK-Plenum 1965 nahezu die gesamte Jahresproduktion der DEFA verboten worden war.

DEFA-Indianer und Karl May

Quelle: DIF© DEFA-Stiftung
Colea Rautu in "Apachen" (1973)
 

Bis zu "Der Scout" Anfang der 1980er Jahre spielte Mitić in Indianerfilmen immer wieder Helden, die sich – wie auch in "Spur des Falken" und "Tödlicher Irrtum" – der Ausbeutung und Unterdrückung durch weiße Usurpatoren entgegenstellen. 1975 fand er in "Blutsbrüder" Unterstützung durch den populären Sänger und Schauspieler Dean Reed, der als DEFA-Star auch in den Filmen "Sing, Cowboy, Sing" und "Kit & Co." als Westmann auftrat. Die ideologische Ausrichtung der DEFA-Produktion als Teil des sozialistischen Anti-Imperialismus blieb so stets eine andere als Karl Mays Phantasien vom christlichen Häuptling Winnetou mit den "fast römischen Zügen". Doch auch hier grassierte eine Reihe von Stereotypen, die – wie in den BRD-Produktionen – ein eindeutiges Bild Gut vs. Böse unterstützten. Kurz vor dem Ende der DDR sollte Gojko Mitić noch einmal mit Stoffen von Karl May in Berührung kommen. Als Bärenauge spielte Mitić 1988 die Hauptrolle in der zweiteiligen DDR-Fernsehproduktion "Präriejäger in Mexiko", die auf den May-Romanen "Benito Juarez" und "Trapper Geierschnabel" basierte. In gewisser Weise deuteten diese Produktionen damit bereits die weitere Karriere von Gojko Mitić an, mit der seine komplexe Beziehung zum westdeutschen Kino-Indianer Winnetou ihren Höhepunkt finden sollte: Nach dem Ende der DEFA wurde Gojko Mitić in der Rolle des Apachenhäuptlings der Nachfolger von Pierre Brice bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg.

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