Der neue deutsche Kinderfilm – Versuch einer Bestandsaufnahme

Titel

Der neue deutsche Kinderfilm – Versuch einer Bestandsaufnahme

 

Quelle:
DIF
"Flußfahrt mit Huhn" (1984)
 

von Katrin Hoffmann

Noch im Juni 1997 hatte Tilmann P. Gangloff in der Frankfurter Rundschau von der "Krise des deutschen Kinderfilms" gesprochen. Rückblickend ist dieser Einschätzung für die vergangenen zwei Jahrzehnte durchaus zuzustimmen, jedoch kann heute davon erfreulicherweise nicht mehr die Rede sein. In den 1980er Jahren gab es zwar einige außergewöhnliche Kinderfilme wie etwa Arend Agthes "Flußfahrt mit Huhn" (1984) und "Der Sommer des Falken" (1988) in der BRD, und in der DDR produzierte die DEFA herausragende Kinderfilme von Rolf Losansky, wie "Der lange Ritt zur Schule" (1981), oder Helmut Dziubas "Sabine Kleist, 7 Jahre" (1982). Auch entstanden anschließend im wieder vereinten Deutschland Produktionen wie "Krücke" (1993) von Jörg Grünler, "Die Distel" (1992) von Gernot Krää oder "Pauls Reise" (1998) von René Heisig. Dennoch lässt sich für die BRD der 1980er und auch für das vereinte Deutschland der 1990er konstatieren, dass diese und viele andere gute Filme aufgrund dramatisch schlechter Marketingstrategien keine Kasse machten und vom Publikum leider unbeachtet blieben. Dabei benötigen auch und gerade Kinderfilme zum Start eine gute Promotion, um sich dem Zielpublikum anzubieten – erst danach folgt eine mehrjährige Auswertung, auf die alle Kinderfilme angelegt sind und bei der auch Programmkinos und Kinderkino-Initiativen eine wichtige Rolle spielen.

Selbst ein Kleinod des Animationsfilms wie "Das kleine Gespenst" (1992) von Curt Linda erreichte 1993 mit 265.824 Zuschauern nur Platz 77 auf der Filmhitliste. Die wenigen erfolgreichen Familienfilme, wie Joseph Vilsmaiers "Charlie & Louise" (1994) und "Rennschwein Rudi Rüssel" (1995) von Peter Timm, waren vom Produktionsbudget her wesentlich besser ausgestattet, wurden mit größerem Etat beworben und mit einer höheren Kopienanzahl gestartet.

Vom Abstellgleis ins Rampenlicht

Quelle: Senator,
DIF
"Käpt"n Blaubär - Der Film" (1999)
 

Nach wie vor fällt die Kategorisierung "Kinderfilm" nicht ganz leicht. Natürlich sollen diese Filme auch gleichzeitig Familienfilme sein, so genanntes "Family-Entertainment". Also müssen die Produktionen schon bei der Entstehung des Drehbuchs darauf achten, auch das Unterhaltungsbedürfnis der Erwachsenen zu erfüllen. Die interessantesten Produktionen bedienen so eine Metaebene, die dem erwachsenen Begleiter noch eine zweite Lesart ermöglicht, welche die Kinder vielleicht nicht erreicht, sie aber auch nicht in ihrer Filmrezeption stört. Von einem guten Kinderfilm muss man also eine ebenso sorgfältige Ausstattung und Inszenierung erwarten können, wie es bei anderen Produktionen für breitere Zielgruppen ganz selbstverständlich ist. Als ausgewiesenes Genre stellt der "Kinderfilm" jedoch hinsichtlich der Verwertung ein ökonomisches Risiko dar, werden doch die so beworbenen Produktionen in der Regel allein auf die Nachmittagsschiene verbannt. Für einen Film wie Bernd Sahlings "Die Blindgänger" (2004), der durchaus Jugendliche und Erwachsene anspricht, stellte sich diese Terminierung als fatal heraus: Trotz hervorragender Presse und Medienpräsenz schaffte "Die Blindgänger" mit der geringen Zahl von 43 Kopien im ersten Monat nur knapp über 13.000 Zuschauer. "Lauras Stern" (2004) von
Piet de Rycker und Thilo Graf Rothkirch erreichte im Monat zuvor – natürlich mit einer wesentlich höheren Kopienzahl – knapp eine Million Zuschauer. Gleichwohl hat Sahlings "Die Blindgänger" 2004 den Deutschen Filmpreis gewinnen können: Seit fünf Jahren wird diese höchste Auszeichnung auch in der Kategorie Kinderfilm vergeben, bislang an Hayo Freitags "Käpt"n Blaubär - Der Film" (im Jahre 2000), an "Der kleine Vampir" von Uli Edel (2001), an Ben Verbongs "Das Sams" (2002) und an "Das fliegende Klassenzimmer" von Tomy Wigand (2003).

Quelle: Kinowelt /
DIF
"Das Sams" (2001)
 

Dieser Preis hat dem Kinderfilm einen enormen Anschub verschafft. Nicht zuletzt dieser Image-Aufwertung ist es zu verdanken, dass die Gremien der Länder- und Bundesfilmförderung – obschon jetzt konsequenter als früher auf die kommerziellen Verwertungschancen geachtet wird – den Kinderfilmprojekten mittlerweile genauso offen gegenüberstehen wie anderen Projektanträgen. Mit Erfolg, denn dieses Genre rangiert immer häufiger ganz vorne auf den Filmhitlisten: Hermine Huntgeburths "Bibi Blocksberg" (2002) und "Der kleine Eisbär" (2001) von der Rothkirch Produktion erreichten jeweils über zwei Millionen Zuschauer. Caroline Links "Pünktchen und Anton" (1999) konnte nach vier Jahren Auswertung ebenso fast zwei Millionen Zuschauer verbuchen. Im Oktober 2004 führten "Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen" von Franziska Buch und "Lauras Stern" auf den Plätzen 5 und 7 die Filmhitliste der FFA (Filmförderungsanstalt) an, knapp hinter der Hollywood-Konkurrenz "Große Haie – kleine Fische" (4) und den deutschen Produktionen "7 Zwerge - Männer allein im Wald" (2) und "Der Untergang" (1). "Sams in Gefahr" (2003) von Ben Verbong stieg im Juli 2004 laut FFA Statistik zeitweise zum zweiterfolgreichsten deutschen Film auf. Neben den Fördergremien hat sich das Kuratorium junger deutscher Film ergänzend zu seiner Talentförderung seit 1998 als zweiten Förderschwerpunkt auf den Kinderfilm konzentriert. Zusätzlich ist beim Kuratorium eine Akademie zur Entwicklung anspruchsvoller Kinderfilmstoffe eingerichtet, in der junge Talente bei der Erstellung des Drehbuchs angeleitet werden. So wurde z.B. Jörg Grünlers "Der Zehnte Sommer" vom Kuratorium mit 40.000 DM Projektentwicklung unterstützt, sodass der offizielle Kinostart des Film 2003 auch eine Bestätigung für die Stiftung bedeutete, die richtige Idee gefördert zu haben – selbst wenn "Der Zehnte Sommer" am Ende nicht das Maß an Aufmerksamkeit fand, das er verdient gehabt hätte.

Kästner, Sams und Bibi – Erfolg mit Vorbildern

Quelle: Constantin /
DIF
"Bibi Blocksberg" (2002)
 

Die erfolgreichsten deutschen Produktionen der letzten Jahre setzen auf populäre Geschichten und bekannte Figuren: Da sind zum einen die Erich-Kästner-Verfilmungen und die "Bibi Blocksberg"-Filme, allesamt von der Bavaria Filmproduktion unter der Federführung von Uschi Reich herausgebracht. Ebenfalls zu nennen sind hier die Kinderbuchverfilmungen um Paul Maars wundersames "Sams" und die von Rothkirch Cartoon-Film in liebevoller Präzision animierten Zeichentrickfilme, zu denen neben "Lauras Stern" auch "Der kleine Eisbär" (2001) und "Tobias Totz und sein Löwe" (1999) gehören. Hinzu kommen Filme wie Joachim Masanneks "Die Wilden Kerle" (2003), dem im Februar 2005 ein Sequel folgt, und mit dem Zeichentrickfilm "Felix - Ein Hase auf Weltreise" (2005) von Giuseppe Maurizio Laganà noch ein weiterer populärer Titel. Die Tendenz ist deutlich – man setzt auf Stoffe, die für die Kinder durch (Bilder-)Buchvorlagen, Hörspiele oder Fernsehsendungen einen hohen Wiedererkennungswert besitzen. Bei diesen Adaptionen, zumeist mit großem Aufwand produziert, ging und geht man kaum Risiken ein, während unbekanntere Titel und weniger eingängige Stoffe – wie etwa Claus Strigels sehr gelungene, leicht absurde Buchverfilmung "Die grüne Wolke" (2001) – in den letzten Jahren leider kaum Aufmerksamkeit fanden.Ein besonderer Hemmschuh im deutschen Kinderfilm, zumindest wenn die Protagonisten selbst Kinder sind, bleiben schließlich die schwierigen Bedingungen der Dreharbeiten: Die Auflagen für die Produzenten sind sehr streng, sobald Kinder am Set sind, und so sehr dies einerseits als Schutz der jungen Akteure zu begrüßen ist, greifen andererseits einige Beschränkungen direkt in die gestalterischen Möglichkeiten ein. Die Kinderdarsteller dürfen nicht nach 22 Uhr drehen, was im Sommer – die meisten Produktionen entstehen zwangsläufig in den Sommerferien – echte Nachtszenen praktisch unmöglich werden lässt. Zudem dürfen Kinder nur vier Stunden am Tag – inklusive An- und Abfahrt zum Set – und insgesamt nur dreißig Tage im Jahr drehen. Auch angesichts dieser eng gesteckten Zeitrahmen, die kontinuierliche Dreharbeiten in besonderem Maße erschweren, muss die große Zahl der jüngst und aktuell so erfolgreichen Kinderfilme gewürdigt werden.

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Dieser Artikel ist ein Beitrag der Themenwelt "Aktuelle Tendenzen im deutschen Film", mit dem sich Filmportal.de schrittweise und kontinuierlich neueren Entwicklungen im deutschen Film nähern will. Das Ziel ist eine bewegte, andauernde Bestandsaufnahme, die – um der Vielfalt möglicher Perspektiven entgegenzukommen – von Gastautorinnen und -autoren entwickelt wird. Diese Artikel sind demnach keine Redaktionsbeiträge, sondern geben als Gastkommentare die Meinung der Autorinnen und Autoren wieder.

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