Bernd Zywietz: "Altersglühen" - German Mumblecore aus Hamburg und im Fernsehen

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Bernd Zywietz: "Altersglühen" - German Mumblecore aus Hamburg und im Fernsehen

Beitrag von Bernd Zywietz am 21. November 2014 auf: Ansichtssache – Zum aktuellen deutschen Film

Wenn am 28. und 29. November 2014 in Frankfurt a. M und in Mainz eine große Veranstaltung zum Thema "German Mumblecore" stattfindet, versammeln sich vorwiegend Berliner auf dem Podium. Doch das freie Improspiel für und vor der Kamera ist natürlich nicht auf die Hauptstadt begrenzt. Schon im Buch "Ansichtssache" haben wir auch den Hamburger Jan Georg Schütte zu Wort kommen lassen, der neben seiner Theaterarbeit uns Filme wie "Swinger Club" (2006) und "Die Glücklichen" (2008) bescherte.

Quelle und ©: WDR, Georges Pauly
Michael Gwisdek, Brigitte Janner in "Altersglühen - Speed Dating für Senioren"

Schütte präsentierte vor kurzem ein interessantes Stück, das nicht nur so empfehlenswert weil so gelungen ist, sondern weil es zeigt, dass und wie German Mumblecore auch ein wenig anders geht. "Altersglühen – Speed Dating für Senioren" lief am 12. November 2014 im Ersten und basiert auf Schüttes Hörspiel (!) bzw. dessen Idee: dreizehn Menschen zwischen Ende 60 und 80 Jahren mit unterschiedlicher Herkunft und Liebesbedürftigkeit, diversen Motiven und Temperamenten treffen sich in einer noblen Villa (gedreht wurde im Herrenhaus Höltigbaum in Hamburg-Rahlstedt), auf dass Männlein und Weiblein sich für sieben Minuten beim Bäumchen-Wechsel-Dich-Reigen kennen lernen und vielleicht finden mögen.

Unter den gestandenen, namhaften Schauspielern sind Senta Berger, Angela Winkler und Christine Schorn, Mario Adorf, Matthias Habich, Michael Gwisdek und Jochen Stern. Schütte selbst spielt den Veranstalter und Conférencier des Speed-Datings.

Es ist eine Wonne, diesen Schauspielern zuzuschauen, wie sie / ihre Figuren sich gegenüber sich selbst, ihrem Gegenüber und für die Kamera inszenieren - vor allem: dabei improvisieren. Natürlich gibt es einige Handlungsfäden und Vorabeinfälle, doch das Meiste entstand aus dem Moment bzw. der Rolle heraus. Man irritiert sich, es vibriert, es hakt, es ist von bestechender Augenblicksverhaftetheit, Authentizität, Im-Moment-Entscheiden, Zögern, von Verhalten, Verhaltensollen und Verhaltensrollen (durch die hindurch immer wieder das hindurchschimmert, das verborgen werden soll): Reaktion und Gegenreaktion - sich einlassen, registrieren. Beste Schauspielerübung.

So wie es im Alltag überall beobachtbar ist, wo Menschen mit einander umgehen, besonders aber in solchen gesellschaftlichen Zweier-Beziehungsmomenten wie denen der reglementierten  Partnervermittlung - eine brillante Wahlentscheidung Schüttes, die Sujet-Situation betreffend.

Es ist zugleich eine Lebendigkeit, wie sie in Filmen viel zu selten miterlebbar wird, vielleicht weil sie auch darin viel zu selten oder schwer einzufangen ist.

Evelyn Roll hat in der Süddeutschen Zeitung höchstens bedingt recht, wenn sie befindet:
"Wer sich 'Altersglühen' mit den handelsüblichen Erwartungen unserer Omas an deutsche Fernsehdrehbücher und an die Schauspielkunst unserer Besten anschaut, wird leiden, wird es langweilig finden, spannungslos und peinlich."

Genau auf den Punkt bringt sie es aber, wenn sie schreibt: "Wenn man aber mit der Akzeptanz des Konzepts den Film noch einmal sieht, geschieht etwas ganz Bemerkenswertes: Wie von verdorbenen Sehgewohnheiten befreit, sieht man plötzlich, wie mutig, bezaubernd und berührend es ist, dass dreizehn etablierte Stars mit der Verletzlichkeit ihrer Figuren auch die eigene Verletzlichkeit ausstellen." -- Allerdings kann einem das durchaus schon beim ersten Sehen aufgehen...

Und natürlich: "Fast unglaublich, dass öffentlich-rechtliche Sender so ein umstürzendes Werkstattexperiment möglich machen und zur besten Sendezeit zeigen."

"Altersglühen", im Auftrag der ARD von Riva Filmproduktion (schon bei Schüttes "Leg ihn um – Ein Familienfest" dabei), NDR und WDR produziert, setzt sich denn auch in diversen Aspekten von vielen aktuellen Mumblecore-Filmen ab:

Quelle und ©: WDR, Georges Pauly
Mario Adorf, Hildegard Schmahl in "Altersglühen - Speed Dating für Senioren"

1.) Es ist ein von der "Vermarktung" her "normaler" TV-Film, kein Erlebnis-Werk, das fürs Kino und seine Erfahrung gedreht wurde. Und es ist ein Film, der wunderbar, heißt: auf erfrischende und erfrischend unspektakuläre Weise auch auf dem Fernsehschirm funktioniert (auch von den Zahlen her: Marktanteil von 16,2 %, also 5,7 Mio. Zuschauer). Wie er das auf der Leinwand sicherlich auch getan hätte. "Altersglühen" belegt: Mumblecore hat im deutschen Öffentlich-Rechtlichen (wie potenziell bei den Privaten) nicht nur eine Chance, sondern auch einen berechtigten Platz, und das, ohne als etwas Exzeptionelles daherkommen zu müssen.

2.) Statt meist junger Menschen, stehen hier Ältere im Mittelpunkt (was natürlich bestenfalls "vereinfacht" ist, man denke an Nico Sommers "Silvi" oder aktuell "Familienfieber", der beim FILMZ - Festival des deutschen Kinos nächste Woche im Wettbewerb läuft -- aber es geht hier ja auch um Skizzierung der Gegensätze en gros). "Altersglühen" handelt denn auch weniger von Beziehungsproblemen oder dem Sichein- oder -zurechtfinden im/ins eigene Leben, sondern um die Probleme und Sehnsüchte gerade von Reiferen, die wissen, was sie sind, vorher sie kommen, wohin sie gehen (wollen), dabei sich aber trotzdem im Weg stehen. Oder gerade deswegen.

3.) Die Darsteller sind bei Schütte aber nicht nur damit automatisch älter als im Mumblecore-Durchschnitt, sondern auch überwiegend wohlbekannte, "klassische" Schauspieler. Das ist eine besondere Herausforderung nicht für diese, weil Improvisation nicht unbedingt deren (berufliches Alltags-) Ding ist, sondern auch für den Zuschauer, dem die Gesichter gut vertraut sind, der sie mit bestimmten Rollen oder Rollenmustern, auch Unterhaltungsqualitäten assoziiert, der aber hier, qua Augenblicksspiel, doch eine etwas andere Senta Berger erlebt, einen so noch ungesehenen Habich. (Unbenommen bleibt, dass manche(r) sich hier in der "Freiheit" des Moment-Agierens besser behauptet als der oder die eine andere, siehe auch Rolls zitierte Kritik). Schütte selbst ist auch Jahrgang 1962, damit älter als die meisten "Mumblecorer".

4.) Anders als "Papa Gold" und "Kaptn Oskar" (von Tom Lass), "Lovesteaks" und "Frontalwatte" (Jakob Lass), "Staub auf unseren Herzen" (Hanna Doose), "Dicke Mädchen" von Axel Ranisch, "Familienfieber" oder "Silvi" von Nico Sommer findet die Handlung in "Altersglühen" nicht über mehrere Tage und oftmals Drehorte hinweg statt. Nahezu in "Echtzeit" und räumlich begrenzt ist es - ohne experimental zu wirken - eine von Schütte mit leichter Hand (oder bewusst eben nicht) gesteuerte Versuchsanordnung, die als solche nicht erscheint (und störend auffällt), weil es von der "Story" und ihrer Idee her von sich aus eben schon eine solche gibt.

Quelle und ©: WDR, Georges Pauly
Christine Schorn, Jörg Gudzuhn in "Altersglühen - Speed Dating für Senioren"

5.) Eng damit verknüpft ist: "Altersglühen" hat keine Haupt- oder Zentralfigur, es ist ein - auch dramaturgisch - weitestgehend hierarchieloser Ensemblefilm, gerade weil sich der Film auf  abwechselnd und sich in der Konstellation verändernde Zweiersituationen konzentriert. "Altersglühen" ist fast ein Kammerspiel, ein Bühnenstück, auch wenn man es ihm überhaupt nicht ansieht - und Schütte ohnehin einer, der mit einem relativ großen wiederkehrenden Kollegen-Ensemble dreht (darunter seine "Glücklichen": Stephan Schad, Pheline Roggan, Oliver Sauer, Susanne Wolff, Ole Schlosshauer).

6.) Last but not least - nein, ein Knüller: "Seit dem 13. November wird 'Altersglühen - Die Serie' in sechs Folgen im NDR Fernsehen ausgestrahlt. Dabei wird pro Folge eine Figur durch ihre Treffen begleitet". Mumblecore in (Fernseh-)Serie. Was Schütte bereits 2010 mit seiner dreiteiligen "Mini-Serie" "Koffie to go" allerdings vormachte. Und freilich wird's hier schon haarig; reduziert man Mumblecore aufs Improvisieren, auf das Ungeskriptete, könnte man auch allzu schnell Olli Dittrichs famosen "Dittsche - Das wirklich wahre Leben" (der jetzt in die 9. Staffel geht), irgendwann jedes Reality-Format mit einbeziehen. Was aber "German Mumblecore" genau ist, wo die Grenzen zumindest insofern zu ziehen sind, als dass der Behelfsbegriff nicht gänzlich verwässert, selbst wenn man ihn auf das Fernsehen und andere Kanäle ("Mumblecore"-Webserie; macht das Sinn?) überträgt, klärt sich auf dem zweiteiligen Symposium am 28./29. November (s.o.). Ganz gewiss.

Jedenfalls und kurzum, "Altersglühen" demonstriert: "German Mumblecore" ist sehenswert, erfolgreich, vielseitig, kann es jedenfalls sein, dabei zugleich in verschiedener Weise "gesetzter", im positiven Sinne einfügsamer, potenziell vielseitiger und ggf. formaterweiternder als es der - wiewohl praktisch berechtigte und ja nicht unkluge - vorherrschende (und auch hier bei "Ansichtssache" gepflegte) Fokus auf ihn als Spielart des "jungen deutschen Kinos" erscheinen lässt.

"Mumblecore" ist Prime-Time-geeignet.

 

Ein Interview mit Schütte zu "Altersglühen" samt Statements der Schauspieler finden Sie HIER.

Einen aufschlussreichen Spiegel-Online-Bericht von den Dreharbeiten gibt es HIER.

© Bernd Zywietz

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