Andrzej Pitrus über die Rezeption in Polen

Titel

Andrzej Pitrus über die Rezeption in Polen

Deutsche Filmproduktionen über die Nazizeit waren in Polen stets präsent – in Kinos, auf Videoband und auf DVD. Die polnischen Zuschauer hatten – bis auf einige wenige Ausnahmen – die Möglichkeit, sich diese Filme anzusehen. Doch solch relevanten Filme wie "Meschugge" (1998, Regie Dani Levy), "Das Himmler-Projekt" (2000, Regie Romuald Karmakar) und "Epsteins Nacht" (2002, Regie Urs Egger) stießen bei polnischen Filmverleihern auf kein nennenswertes Interesse.

Den größten Anklang bei den polnischen Zuschauern fanden solche Produktionen, die es vermochten, die für uns Polen interessante Problematik in einer für breites Publikum geeigneten Filmsprache mitzuteilen. Kommerziell sehr erfolgreich – wenn auch nicht in dem Maße wie so mancher Hollywood-Streifen – zeigten sich zwei Filme, die über 200.000 Besucher in die Kinos gelockt haben: Das Werk von Agnieszka Holland "Europa, Europa" (1991) haben sich über 415 000 Menschen angesehen. Diese deutsch-polnisch-französische Koproduktion war allein wegen der Regisseurin für polnische Kinofans interessant.

Schauwert und Geschichte

Quelle: Constantin, DIF
"Der Untergang" (2004)
 

Den zweitgrößten Kinoerfolg verbuchte "Der Untergang" (2004) von Oliver Hirschbiegel mit seiner unkonventionellen Betrachtung der Biografie Hitlers. Hirschbiegel, für seinen ambitionierten Film "Das Experiment" (2001) geschätzt, lockte mit seinem "Untergang" über 290.000 Zuschauer in die Kinosäle. Die große Schar der Kinobesucher ließ sich dabei wohl von zwei unterschiedlichen Motiven leiten: zum einen erschien der Film allen passionierten Kinogängern sehenswert, zum anderen fanden ihn auch alle jene eine Kinokarte wert, die an der neuesten Geschichte interessiert sind. Über 100 000 Zuschauer strömten in die Kinos, um sich den "Unhold" anzusehen (1996, Regie Volker Schlöndorff), eine internationale Produktion mit hohem Schauwert. Andre Filme über die Nazizeit weckten ein deutlich geringeres Interesse (Zuschauerzahlen unterhalb 100.000). Erstaunlich viele Polen zeigten sich an der "Blechtrommel" (Regie: Volker Schlöndorff) interessiert, einem Film, der zwar bereits 1979 gedreht, in Polen aber erst 1992 zugelassen wurde.

Abschied vom Bösen der Hitlerzeit?

Quelle: DIF
"Die Blechtrommel" (1979)
 

Deutsche Filme werden in der polnischen Presse regelmäßig besprochen. Jede Erstaufführung wird mit einer Rezension gewürdigt. Die größte Aufmerksamkeit der Presse galt naturgemäß jenen Filmen, die sich auch beim Publikum der größten Beliebtheit erfreuten. Über den Film "Europa, Europa" wurde bereits 1989, also noch während der Dreharbeiten, berichtet, und zwar in der Zeitschrift "Film" (Nr. 35, S 6-8). Tadeusz Lubelski hob in seiner Rezension ("Kino" 1991, Nr. 4, S. 14-16) vor allem den künstlerischen Wert des Films hervor, denn die Frage, wie man unter totalitärer Herrschaft die Integrität wahren konnte, schien ihm im Plot zu oberflächlich behandelt. Jerzy Płażewski versuchte in seinem Beitrag für die Zeitschrift "Kino" (1992, Nr. 12, S. 46) zu ergründen, warum der Film "Europa, Europa" in Deutschland mit so wenig Interesse zur Kenntnis genommen wurde und warum ihm die Nominierung zum "Oscar" verwehrt blieb. Paul Hengge, Mitautor am Drehbuch, der allerdings seinen Namen vom Vorspann entfernen ließ, erklärte, dass sich die kühle Reaktion der deutschen Zuschauer aus dem hintergründig im Film mitschwingenden Ansatz zur Rechtfertigung der deutschen Verhaltensweisen in der Nazizeit ergeben habe.

Quelle: Jugendfilm, DIF
"Hitlerjunge Salomon / Europa, Europa" (1990)
 

Ähnliche Überlegungen wurden nach der Premiere von "Der Untergang" angestellt. Alle polnischen Filmmagazine veröffentlichten umfassende Rezensionen. Zahlreiche Besprechungen erschienen auch in anderen Zeitungen und Zeitschriften. In der Wochenschrift "Forum" wurden zwei ausführliche Beiträge aus der deutschen Presse abgedruckt. Die auflagenstärkste Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" brachte in der gesamtpolnischen Ausgabe sechs Rezensionen, in den lokalen Beilagen erschienen weitere Beiträge, was erstaunen muss, denn Tageszeitungen widmen einem Film grundsätzlich nicht so viel Aufmerksamkeit. Im Grundtenor verwiesen die Rezensenten auf die unkonventionelle Betrachtungsweise der Gestalt Hitlers. Tadeusz Sobolewski fasste dies in folgende Worte: "Was ist es, was mich an solchen perfekt inszenierten und auf den "Oscar" abzielenden Produktionen stört? Ich gewann den Eindruck, dass mit dem "Untergang" von dem Bösen der Hitlerzeit Abschied genommen wird, genauso wie im "Pianist" (2002) mit dem Chopin-Konzert das Kapitel des Genozids abgeschlossen werden sollte. Ist es nicht das Hauptmerkmal eines kitschigen Werkes, dass in ihm eine Grausamkeit, die nicht zu fassen ist, als verdauliche Kost geboten wird?" (Nr. 249, S. 2)

Polemiken zum "Untergang"

Quelle: Senator, DIF
"Stalingrad" (1992)
 

Der Film gab Anlass zu diversen Polemiken. Stefan Chwist witterte in diesem Filmwerk eine Manipulation: "Als die wichtigste Manipulation in diesem Film erachte ich die Tatsache, dass der Selbstmord Hitlers nicht gezeigt wurde. (…) Hitler scheidet in Würde hin, seinen Tod umhüllt ein Geheimnis, er stirbt in seinem Gemach wie ein "König", um die Ehre und Erhabenheit des deutschen Staates zu retten." (Nr. 266, S. 11) Stefan Niesiołowski hielt dem eine andere Sicht entgegen, indem er sagte: Im Bunker sitzt kein deutscher "König", sondern ein Psychopath und Verbrecher, der bis zuletzt tötet und rache- sowie hasserfüllte Befehle erteilt. (…) Ich erblicke in diesem Film nichts, was den Nazismus glorifizieren, die Verbrechen relativieren und Hitler menschlichere Züge verleihen würde." (Nr. 268, S. 23). Keiner der deutschen Filme über die Nazizeit wurde so oft besprochen, keiner rief so viele Polemiken hervor. Diese Auseinandersetzung wurde natürlich aus der polnischen Erfahrung mit der Hitlerzeit heraus geführt, stets im Ton der "Mahnung", man müsse in der Darstellung den geschichtlichen Fakten gerecht werden. Eine ähnliche Beurteilung enthielt eine kurze Rezension des vom polnischen Fernsehen ausgestrahlten Films "Stalingrad" (1992, von Joseph Vilsmaier): "Das Bild dieses grausamen Krieges wäre vollständiger, wenn die Schuld der Urheber jener Metzelei und jene ihrer Mitläufer stärker hervorgehoben worden wäre." ("Gazeta Telewizyjna", Nr.266, vom 15.11.2002 und vom 21.11.2002, S. 19). Ein namentlich nicht genannter Rezensent verwies darauf, dass Filme über die Nazizeit in Polen nach wie vor als Beiträge zur Diskussion über die neueste Geschichte und nicht als Versuch einer Verallgemeinerung aufgefasst werden. So wird der im Januar 2006 bei uns anlaufende Film von Marc Rothemund "Sophie Scholl" (2005) gewiss auch bei Wahrung dieser Prämisse vom polnischen Publikum rezipiert werden.

 

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Dr. Andrzej Pitrus absolvierte ein Studium der Filmwissenschaft an der Jagiellonen Universität in Krakau unter der Aufsicht von Prof. Alicja Helman, der führenden polnischen Filmwissenschaftlerin. Sein Hauptinteressenbereich ist das neue Kino. Pitrus wurde in den letzten Jahren zu einer der renommiertesten Filmautoritäten in Polen. Besonders seine Beiträge zum Polnischen Filmlexikon brachten ihm hohe Reputation ein. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Filmwissenschaft an der Jagiellonen Universität.

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