70 Jahre CCC Filmkunst

Titel

70 Jahre CCC Filmkunst
Quelle: DIF/Artur Brauner Archiv
Dreharbeiten zu "Die Nibelungen. 1. Siegfried von Xanten"

Im September 2016 feiert die CCC Filmkunst ihr 70-jähriges Bestehen. 70 Jahre CCC – das sind 70 Jahre Mut, Verve und kreativer Kraft. Keine andere heute noch bestehende Filmproduktion kann auf eine derart lange Firmengeschichte zurückblicken.

Es war am 16. September 1946, als Artur Brauner in den Ruinen von Berlin und im Land der Deutschen, die ihm als Juden zwischen 1939 und 1945 nach dem Leben getrachtet und 49 seiner Angehörigen umgebracht hatten, im amerikanischen Sektor gemeinsam mit seinem späteren Schwager Joseph Eisenstein die Central Cinema Comp. Film Gesellschaft mit beschränkter Haftung (CCC) in Berlin-Dahlem gründete. Die Ausgangssituation stellte sich alles andere als günstig dar: Ein Jahr zuvor, mit Kriegsende, war die Filmproduktion in Deutschland eingestellt worden. Die alliierten Militärbehörden, von denen Produktion, Verleih und Abspiel in allen vier Besatzungszonen kontrolliert wurden, vergaben die als Arbeitserlaubnis fungierenden Lizenzen nur zögerlich. Es fehlte an Ateliers, viele Produktionsstätten lagen in Trümmern. Artur Brauner, wenngleich sehr am Film interessiert, war zudem ein Neuling im Geschäft. Eine Chance, sich als Filmproduzent zu etablieren, witterte er dennoch und befand: "Hier kann es nur bergauf gehen." Um den Einstieg in die eigene Filmproduktion zu erleichtern, arbeitete Brauner zunächst mit lizensierten Produzenten, denen es an Geld mangelte, das er wiederum bereitstellen konnte. Brauner erhoffte sich praktische Erfahrungen und eine Intensivierung seiner Kontakte in die Branche. 

Quelle: DIF/Artur Brauner Archiv
"Morituri"-Premierenkino Neue Scala in Berlin (1949)

Nach der finanziellen Beteiligung am ersten westzonalen Nachkriegsfilm, der Komödie "Sag die Wahrheit" (1946), bereitete Brauner 1947, als ihm die französische Militärregierung endlich eine Produktionslizenz für ihren Sektor in Berlin erteilt hatte, die erste eigene Produktion vor, den Operettenfilm "Herzkönig". Die Dreharbeiten begannen im Studio Tempelhof unter Bedingungen, die durch Materialnot, Stromsperren, karge Lebensmittelzuteilung und bürokratische Mangelverwaltung geprägt waren. Der Unterhaltungsfilm wurde, den Kritiken zum Trotz, ein Publikums- und Kassenerfolg.

Als Verarbeitung eigener Traumata wie als Mahnung zur Aussöhnung und Völkerverständigung stellte Brauner unter schwierigsten Bedingungen und finanziert durch die mit "Sag die Wahrheit" und "Herzkönig" erzielten Gewinne ab Herbst 1947 den zweiten Film der CCC, "Morituri", her. Schilderung der Flucht aus dem Konzentrationslager, dem Versteck vor Wehrmacht und SS: "Morituri" versprach alles andere als ein herkömmlicher, leicht verkäuflicher Unterhaltungsfilm zu werden, und potenzielle Partner sprangen früh ab. Brauner jedoch ließ sich nicht beirren: "Ich drehte ihn trotzdem. Weil ich spürte, dass ich ihn einfach drehen musste. Es gibt im Leben Situationen, in denen man weiß: Das musst du tun, obwohl es absolut wider jede Vernunft ist, aber wenn du es nicht tust, wirst du es dein Leben lang bereuen." Mit Unterstützung der Sowjetischen Militäradministration und der Roten Armee entstand der Film schließlich auf Feldern und in Gasthöfen nahe Berlin. Bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt, wurde "Morituri" in den bundesdeutschen Kinos von den Besuchern vehement abgelehnt, Kinobesitzer stornierten aufgeschreckt ihre Kopie, der Verleih sah sich zur Absetzung von den Spielplänen gezwungen. Artur Brauner hat diese Reaktion als traumatisch erlebt und rührte für die nächsten neun Jahre die Themen NS-Regime und Holocaust nicht wieder an.

Quelle: DIF/Artur Brauner Archiv
Die CCC-Studios an der Havel

Stattdessen verlegte sich die CCC in den 1950ern zunächst ganz aufs Geldverdienen durch die Produktion von Unterhaltungsfilmen. Artur Brauner geriet zum Star der Wirtschaftswunderjahre und avancierte zum erfolgreichsten unabhängigen Filmproduzenten Europas. Um die hohe Besuchernachfrage zu befriedigen – 1951 ging jeder Bundesbürger im Schnitt elfmal jährlich ins Kino – standen jedoch nicht genügend Produktionsateliers zur Verfügung. Um seine CCC weiter unabhängig zu machen und durch Fremdvermietungen Einnahmen erzielen zu können, erstand Artur Brauner Ende 1949 zu günstigen Konditionen ein Gelände in Berlin-Haselhorst, nahe Spandau. Die Umwandlung der darauf befindlichen Giftgasfabrik in ein Filmstudio wurde 1950 von einer riesigen Medienkampagne begleitet; am 18. Februar 1950 wurde die offizielle Einweihung von West-Berlins zweitem funktionsfähigem Atelier aufwändig gefeiert. "Maharadscha wider Willen" war der erste in den eigenen Studios gedrehte Film und wurde ein großer Kassenerfolg. Die Feuertaufe war bestanden, und Fremdfirmen meldeten ihr Interesse an, in den Spandauer Ateliers der CCC zu arbeiten.

Schon drei Jahre nach ihrer Einweihung erreichten die CCC-Studios ihre Kapazitätsgrenzen, weitere Hallen wurden gebaut. Mit ihrer modernen Ausstattung wurden die Ateliers der CCC in den 1950er Jahren zur am meisten ausgelasteten Produktionsstätte des deutschen Films. Im Firmen-Rekordjahr 1958 stellte die CCC selbst insgesamt 19 Filme her – eine heute kaum vorstellbare Produktionszahl. Artur Brauner arbeitete dabei mit Staffeln, in denen die einkalkulierten Gewinne durchschnittlicher Unterhaltungsware einen eventuellen Verlust anspruchsvollerer Filme auffangen sollte, ein System, das sich für ihn bereits bei den ersten beiden CCC-Produktionen "Herzkönig" und "Morituri" bewährt hatte.

Quelle: DIF/Artur Brauner Archiv
Romy Schneider am Set von "Mädchen in Uniform" (1958)

Als anspruchsvoll und deshalb risikobehaftet galten zu dieser Zeit Literaturverfilmungen, Gegenwartsstoffe und solche Sujets, welche die jüngste deutsche Vergangenheit berührten. Mit "Liebe ohne Illusion", "Die Ratten" (beide 1955), "Vor Sonnenuntergang" (1956), "Der achte Wochentag" (1957/58), "Am Tag als der Regen kam" (1959) produzierte die CCC immer wieder solche Filme, die sich von den einfachen Unterhaltungsfilmen absetzten. Als Garant für eine finanziell erfolgreiche Produktion fungierten dabei die Stars. Die CCC nahm sie seit den 1950er Jahren alle unter Vertrag: Maria Schell, O.W. Fischer, Curd Jürgens, Lilli Palmer, Romy Schneider, Ruth Leuwerik, Sonja Ziemann, Gert Fröbe, Heinz Rühmann. Eine Reihe von Regisseuren war bei der CCC auf die Inszenierung gängiger Unterhaltungsfilme, Musik- oder Abenteuerfilme sowie Melodramen abonniert und arbeitete lange Zeit für das Berliner Unternehmen. Am meisten bewunderte Brauner allerdings Fritz Lang und Robert Siodmak. So bewog er Lang 1958 dazu, nach Berlin zurückzukehren und das Remake des Zweiteilers "Der Tiger von Eschnapur" und "Das indische Grabmal" zu inszenieren. Auch die Regie bei "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse" übernahm Lang für Brauner. Robert Siodmak wiederum bescherte der CCC mit "Die Ratten" einen großen künstlerischen wie kommerziellen Erfolg. Die beiden Star-Regisseure sind nur zwei von vielen Emigranten, die von Brauner zur neuerlichen Arbeit in Deutschland ermuntert oder, so sie bereits zurückgekehrt waren, beschäftigt wurden.

Die aufkommende Konkurrenz des Fernsehens ließ Ende der 1950er Jahre das Interesse des Publikums am Kinobesuch drastisch erlahmen. Das Kinosterben begann, Produktionsziffern sanken, Ateliers standen leer. 1962 rief in Oberhausen eine neue Generation von Filmemachern den Tod von "Papas Kino" aus. Der CCC-Chef, von den "Jungfilmern" als Exponent des verhassten "Schnulzenkartells" angegriffen, suchte seine Filme zu realisieren und Ateliers zu retten, indem er in einem reduzierten Programm die gängige, eine an Moden orientierte Unterhaltung anbot.

Quelle: DIF/Artur Brauner Archiv
Artur Brauner und Karin Dor am Set von "Die Nibelungen" (1966/67)

So produzierte er Arztfilme, die Fortsetzung seiner Mabuse-Serie, und fand mit Filmen wie "Old Shatterhand" (1963/64) und "Sherlock Holmes und das Halsband des Todes" (1962) Anschluss an die erfolgreichen Karl-May- und Edgar-Wallace-Reihen seines einstigen Produktionsleiters Horst Wendlandt, der mit der Rialto Film reüssiert hatte. Nicht zuletzt setzte die CCC auf Erotikfilme und Monumentalschinken wie "Dschingis Khan" (1964/65), "Die Nibelungen" (1966/67) und "Kampf um Rom" (1968). Brauner verminderte das eigene finanzielle Risiko durch vermehrte Co-Produktionen mit ausländischen Firmen und durch Filme, die die neugegründete CCC Television GmbH für das Fernsehen produzierte. Allein 1962 fertigte diese Gesellschaft mehr als 30 Fernsehfilme für ihren wichtigsten Vertragspartner, das ZDF. Auch wurden die CCC-Studios an Fernsehanstalten vermietet. Als jedoch das ZDF 1971 die Hallen nicht mehr wie zuvor belegen mochte, kam das "Aus" für Spandau. Es folgten Massenentlassungen, zahlreiche Arbeiter und Angestellte, die seit 1950 bei der CCC beschäftigt gewesen waren, verloren ihre Jobs. Brauner schloss, bis auf eine Halle, seine Studios. In Gemeinschaftsproduktion mit internationalen Partnern stellte die CCC zwischen 1972 und 1980 zehn Spielfilme her, zumeist allerdings nicht federführend. Das Tief überstand die Firma mit Hilfe neuaufgelegter Kreditprogramme des Landes Berlin: Anfang der 1980er-Jahre wurden in Spandau wieder große Atelierfilme wie "Die Spaziergängerin von Sans Souci", Romy Schneiders letzter Film, und "Eine Liebe in Deutschland" gedreht.

Quelle: DIF/Artur Brauner Archiv
Regisseurin Agnieszka Holland am Set von "Hitlerjunge Salomon" (1989)

Seit den 1980er Jahren konzentrierte Artur Brauner sich zunehmend auf solche Filme, von denen er sich künstlerische Anerkennung versprach und die die Traumata seiner Jugend thematisieren: Ausstoß aus bürgerlicher Geborgenheit, Flucht, Verfolgung, das Fortdauern des Antisemitismus bis heute. Als Maßstab eines Filmerfolges galt nicht mehr einzig der finanzielle Gewinn. Verluste durch Filme, denen Brauner persönlich Bedeutung beimaß, nahm er hin, auch wenn sie nicht mehr wie zuvor durch Gewinne innerhalb eines Jahresprogramms ausgeglichen wurden. Noch immer vertraute Brauner gerne großen Namen, bedeutende Regisseure und Schauspieler arbeiteten in diesen Jahren an den Filmen, die er seine "jüdischen" nennt. Aber er gab auch weniger bekannten Schauspielern Hauptrollen, legte mehr Wert auf die Stimmigkeit der Geschichte, die Stärke des Stoffs. Produzierte die CCC zu Hoch-Zeiten zwischen 10 und 20 Filme pro Jahr, so sank die Zahl der Kino-Produktionen ab den 1980ern auf ein bis zwei im Jahr. Die Finanzierung zu sichern war langwierig, denn mit den "jüdischen" Filmen produzierte Brauner am Markt vorbei. Sein Engagement verschaffte ihm indessen Anerkennung. "Charlotte", das Porträt einer zu Depressionen neigenden, sich im Malen befreienden jungen Künstlerin während der NS-Zeit, wurde 1981 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. "Hitlerjunge Salomon" (1990), einer der persönlichsten Filme Brauners, erhielt den Golden Globe. Das Drehbuch der Co-Produktion "Hanussen" (1988) – eine wahre Geschichte über die Ermordung eines Hellsehers, der den Reichstagsbrand vorhersagt – wurde für den Oscar nominiert. Mit Filmen wie "Von Hölle zu Hölle" (1996/97) und "Babij Jar" (2003) setzte die CCC den konzentrierten Blick auf das Thema Holocaust fort.

Quelle: DIF/Artur Brauner Archiv
Hannelore Elsner und Regisseur Uwe Janson am Set von "Auf das Leben!" (2013/14)

Immer ist die CCC auch ein Familienunternehmen gewesen: Ehefrau Maria Brauner wirkte unter anderem an diversen Produktionen als Kostümbildnerin mit; Nichte Sharon Brauner stand schon mehrfach für CCC-Produktionen vor der Kamera, Bruder Wolf Brauner ist an zahlreichen Filmen als Herstellungs- und Produktionsleiter beteiligt, und Tochter Fela Brauner-Rozen arbeitete viele Jahre im Bereich Lizenzen und Produktionskoordination. 2006, zum 60-jährigen Jubiläum der CCC, stieg die zweite Tochter Alice Brauner federführend in das Unternehmen ein, übernahm die Leitung der CCC Television GmbH und gründete die CCC Cinema und Television GmbH, Niederlassung München. Zunächst an der Seite ihres Vaters, dann eigenverantwortlich entwickelt sie seitdem als Produzentin Filmprojekte und schreibt mit auf Festivals ausgezeichneten Produktionen wie "Wunderkinder" (2011) und "Auf das Leben!" (2014) oder dem Fernsehfilm "So ein Schlamassel" (2009) die Firmengeschichte erfolgreich fort. Zugleich beschreitet sie mit der Produktion von Youtube-Serien neue Wege. Wie ihr Vater setzt Alice Brauner in ihren Filmen sowohl auf jüdische wie auf nicht-jüdische Themen. Als Angehörige der nachfolgenden Generation blickt sie auf den gegenwärtigen Stand deutsch-jüdischer Beziehungen und arbeitet mit scharfem und untrüglichem Blick Entwicklungslinien und Kuriositäten heraus.

Die CCC-Studios, von Drittfirmen über die letzten Jahre vielfach angemietet, werden gegenwärtig renoviert. Nach 70 Jahren erfolgreicher Filmproduktion scheint das letzte Kapitel der CCC noch lange nicht geschrieben.


Text basierend auf Claudia Dillmann-Kühn: Artur Brauner und die CCC. Filmgeschäft, Produktionsalltag, Studiogeschichte 1946-1990. Frankfurt am Main: Schriftenreihe des Deutschen Filmmuseums, 1990. So auch erschienen in der Begleitbroschüre zur Werkschau der Deutschen Kinemathek anlässlich des 70. Jubiläums der CCC, gemeinsam herausgegeben von der Deutschen Kinemathek, Berlin und dem Deutschen Filminstitut, Frankfurt.

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