Tonbilder – Geschichte, Technik, Produktion und Aufführung

Titel

Tonbilder – Geschichte, Technik, Produktion und Aufführung

Quelle: DIF
Oskar Messter, Filmpionier und Erfinder der Tonbilder in Deutschland

Als eigenständiges Filmgenre entsprangen Tonbilder, die in Deutschland zwischen 1903 und 1914 produziert wurden, der Unterhaltungsindustrie und Bühnenwelt der Jahrhundertwende. Die Sketche, Arien und Lieder, die in ihnen zu sehen sind, können als frühe Vorläufer des Musikclips verstanden werden. Beschwingt und charmant, manchmal auch pikant, bezeugen die Tonbilder die Beliebtheit des Musiktheaters zur Kaiserzeit und brachten Höhepunkte aus Oper, Operette, Revue und Burleske auf die Kinoleinwand.

Gemeinhin gilt Oskar Messter (1866-1943) als Erfinder der Tonbilder in Deutschland. 1903 begann er mit der Vermarktung seines Synchronfilm-Systems namens Biophon, nachdem 1900 auf der Pariser Weltaustellung überwiegend französische Tonfilmsysteme vorgestellt worden waren. Überragender Pionier auf diesem Gebiet war jedoch der französische Produzent Léon Gaumont, der unterschiedliche Verfahren – wie etwa Chronophone, Chef d'Orchestre, Egléphone und Chronomégaphone – entwickelt hatte, mit denen sich Film und Ton synchron abspielen ließen. Zwischen Gaumont und Messter gab es nachweislich ab 1905 ein engen Informationsaustausch, der auch Absprachen zur Vermarktung beinhaltete und Deutschland nach Frankreich führend machte auf dem Gebiet der Entwicklung von Synchrontonsystemen.


Herstellung

Gemeinhin wurden Tonbilder im Playback-Verfahren produziert, d.h. die Filmaufnahmen entstanden zu Musikaufnahmen, die auf dem Markt und somit im Verkauf bereits erhältlich waren. Die Kunst der Darstellerinnen und Darsteller in den Filmaufnahmen bestand folglich darin, einen voraufgezeichneten Gesangsauftritt lippensynchron, mimisch und gestisch präzise abgestimmt darzubieten. Dies war besonders herausfordernd, wo – wie häufig der Fall – Darstellerinnen und Darsteller nicht identisch waren mit den Sängerinnen oder Sängern der Tonaufnahme. So zum Beispiel bei Opern-Tonbildern, für die häufig kostengünstigere Darstellerinnen und Darsteller angeheuert wurden. Gründe hierfür mögen u.a. die Gagen für renommierte Opernsängerinnen und -sänger gewesen sein, die das Budget der Tonfilmproduktion überschritten hätten. Anders Tonbilder, die Revuenummern zum Inhalt hatten: Hier kam es durchaus zu längerfristigen Kooperationen zwischen Tonbildproduzenten und Bühnenhäusern, wie etwa dem Berliner Metropol-Theater und dem Theater des Westens in Berlin. Namhafte Revuekünstlerinnen und -künstler dieser Häuser traten im Filmbild zu ihren eigenen Tonaufnahmen auf, häufig gemeinsam mit anderen Ensemblemitgliedern. Auch bei Operetten-Tonbildern war die Mitwirkung bekannter Vokalisten nicht unüblich und der Synchronwirkung von Bild und Ton durchaus förderlich.

Aufführung

Quelle: DIF
Mizzi Wirth und Oskar Braun, Mitglieder des Ensembles am Neuen Operetten-Theater Berlin, in "Der Mann mit den drei Frauen: Liebchen, komm in mein Stübchen" (1908)

Präzise Abstimmung von Bild und Ton war jedoch nicht nur eine Herausforderung bei der Produktion der Tonbilder, sondern auch bei deren Vorführung vor Publikum. Während der Film über einen Projektor abgespielt wurde, kam der Ton aus dem im Saal platzierten Grammophon. Speziell entwickelte Synchronanzeigesysteme sollten den Vorführern anzeigen, wenn Filmbild und Grammophon auseinander zu laufen drohten. Abweichungen konnten dann manuell durch Beschleunigung oder Verlangsamung des Filmbildes ausgeglichen werden. Andere Systeme setzten auf eine Verbindung zwischen  Projektor und Grammophon, die einen automatisierten Gleichlauf der beiden Medien gewährleisten sollten. Die Kosten für diese Systeme waren jedoch wesentlich höher und erlaubten es zudem nicht, die Projektionsgeschwindigkeit des Filmbildes gezielt manuell anzupassen. Diese Flexibilität war jedoch besonders dann nötig, wenn sich die Länge der Filmrolle nach häufigem Abspielen aufgrund nötiger Reparaturarbeiten verkürzt hatte.

Eine weitere Herausforderung bei der Präsentation der Tonbilder, besonders in größeren Sälen, bestand darin den Ton in ausreichender Lautstärke wiedergeben zu können. Daher experimentierten Produzenten und Distributoren auch intensiv auf dem Gebiet der Schallverstärkung – mit neuen Trichterformen, mit Heiss- und Druckluft. Eine weitere Herangehensweise waren sogenannte Starktonaufnahmen, die durch große Lautstärke bei der Aufnahme eine höhere Lautstärke beim Abspielen gewährleisten sollten. Solchermaßen gekennzeichnete Filmbegleitplatten wurden zum Beispiel von Alfred Duskes vermarktet. Oskar Messter hingegen versuchte die Lautstärke zu erhöhen, indem er mit mehreren Grammophonen im Saal experimentierte, eine Methode, die jedoch lautere Nadelgeräusche und wohl auch erhöhten Personalaufwand für die Bedienung nach sich zog. Die in Frankreich schon früh verbreitete Druckluftverstärkung, die ab 1907 auch auf dem deutschen Markt erhältlich war, stellte sich als wirkungsvollste, wenngleich auch teuerste, Methode heraus.

Boom und Untergang

Verlässliche Zahlen zur Tonbildproduktion und –distribution in Deutschland existieren nicht. Die Quellenlage ist ausgesprochen dürftig, es fehlt zudem an einer umfassenden, systematischen Filmografie der deutschen Tonbilder. Hauptgrund hierfür mag in der Vielzahl der produzierten Werke, der Ambiguität ihrer auf Titel, und ihrer schlechten Überlieferungslage sein, die eine ausführliche Erfassung enorm schwierig, wenn nicht unmöglich macht. Besonders die Tonbilder der Anfangszeit 1903-1906, von denen viele aus Frankreich importiert wurden, gelten als unerforscht. Oskar Messter zufolge wurden in Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg rund 1.500 Tonbilder produziert, 500 davon allein von seiner Produktionsfirma (vgl. dazu auch Oskar Messter: Mein Weg mit dem Film. Berlin 1936.) , eine Zahl die aus heutiger Sicht als relativ verlässlich gilt, möglicherweise aber sogar noch etwas zu konservativ ist. Martin Loiperdinger konnte davon trotz der überaus schlechten Quellenlage ca. 850 Tonbilder nachweisen (vgl. hierzu Martin Loiperdinger: Tonbilder. In: Richard Abel (HG.): Encyclopedia of Early Cinema, New York, 2005, S. 634-635).

Quelle: DIF
"Die Herzen der Berliner Frauen aus 'Das muss man seh'n!'", entstanden 1908 zur Hochzeit der Tonbild-Produktion in Deutschland

Bekannt ist, dass die Tonfilmproduktion in Deutschland ab 1907 sprunghaft zunahm: Neue Produktionsfirmen und Distributoren drängten auf den Markt, auf die Präsentation von Tonbildern spezialisierte Kinos entstanden in mittelgroßen Städten und Großstädten. Bis Ende 1909 hielt diese Hochzeit der Tonbildproduktion an,  ab 1910 wurde sie zurückgefahren und bis 1913 war sie fast gänzlich erloschen. Öffentlich aufgeführt wurden Tonbilder jedoch noch einige Jahre länger.

Es ist davon auszugehen, dass es zum Niedergang aufgrund von Überproduktion kam, die zu einem Überangebot und damit verbunden einem Preisverfall von Tonbildern führte. Anzeigen in der zeitgenössischen Fachpresse belegen, dass die Preise für Tonbilder ab 2010 stark zurückgingen. Weitere Gründe für die Einstellung der Tonbildproduktion waren mutmaßlich, dass zunehmend längere Spielfilme produziert wurden und in der Gunst des Publikums stiegen, sowie generell der stete Wandel des Publikumsgeschmacks und daraus resultierend neue Trends in der Programmgestaltung.

Gliederung