Veit Harlan

Veit Harlan

Darsteller, Regie, Drehbuch, Sonstiges, Produzent
*22.09.1899 Berlin-Charlottenburg; †13.04.1964 Capri, Italien

Biografie

Veit Harlan wird am am 22. September 1899 in Berlin-Charlottenburg geboren. Sein Vater, verheiratet mit Adele Boothby, ist der Schriftsteller und Dramaturg am Lessing-Theater Walter Harlan (1867-1931). Bereits während der Schulzeit an einem berliner Realgymnasium tritt Harlan als Statist am Deutschen Theater und an den Kammerspielen auf. Nach einer Ausbildung zum Silberschmied wird er Schüler am Max-Reinhardt-Seminar, um 1915 erhält er kleine Rollen am Luisen-, am Rose- und am Trianon-Theater, wirkt als Statist und Assistent bei Filmen von Max Mack mit. Ende 1916 meldet er sich kriegsfreiwillig und dient an der Westfront in Frankreich.

1919 wird Harlan Schauspiel-Volontär an der Volksbühne am Bülowplatz. Er heiratet die Schauspielerin Dora Gerson, geht 1922 ans Landestheater Meiningen, ist kurzzeitig Mitglied des Tournee-Theaters Holtorf-Truppe. 1924, nunmehr ans Staatliche Schauspielhaus der Preußischen Staatstheater verpflichtet, kehrt er nach Berlin zurück, wird während seines Engagements für kurze Zeit Mitglied der SPD. Er spielt in Inszenierungen von Jürgen Fehling (Max Halbes "Jugend", 1925), Heinz Hilpert (Arnolt Bronnens "Die Exzesse", 1925), Erich Engel (Leon in "Weh dem, der lügt"), Erwin Piscator (Roller in "Die Räuber", 1929), Ernst Legal ("Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand", 1930), auch in Hanns Johsts "Schlageter" (1933).

1929 heiratet er die Schauspielerin Hilde Körber. Der Ehe entstammen der Filmregisseur Thomas Harlan (geb. 1929), die Schauspielerin Maria Körber (geb. 1930) und die Tochter Susanne Körber.

Sein Film-Debüt gibt Harlan 1926 als David in Ludwig Bergers Hans Sachs-Film "Der Meister von Nürnberg". 1927 spielt er den Friseur Mandelstam in Hans Behrendts Sternheim-Verfilmung "Die Hose", junge Hallodris in zwei Komödien nach Drehbüchern von Béla Balázs ("Das Mädchen mit den fünf Nullen"; "Eins + Eins = Drei"). Er übernimmt Rollen in Kriminalfilmen ("Somnambul", 1928/29; "Hilfe! Überfall!", 1931), ab 1931 bevorzugt in "nationalen Epen" ("Yorck", 1931; "Die elf Schill"schen Offiziere", 1932; "Der Choral von Leuthen", 1932/33), arbeitet auch als Synchronsprecher (u.a. für Paul Muni in "Ich war ein entflohener Kettensträfling", R: Mervyn LeRoy, 1933 USA).

1933 bekennt er sich öffentlich zum Nationalsozialismus; er wirkt weiterhin in Filmen eher unterhaltenden Charakters ("Gern hab" ich die Frau"n geküsst", 1934; "Stradivari", 1935), wie auch propagandistischen Inhalts mit ("Flüchtlinge", 1933; "Das Mädchen Johanna", 1935). Große öffentliche Aufmerksamkeit findet seine Arbeit nicht.

1934 wechselt Harlan, nebenberuflich "Bildhauer und Photograph", als Regisseur an das Theater am Schiffbauerdamm. Nach seiner ersten Arbeit "Hochzeit an der Panke" gibt ihm seine überaus erfolgreiche Inszenierung des Berliner Volksstücks "Krach im Hinterhaus" von Maximilian Böttcher 1935 Gelegenheit zur ersten selbständigen Filmregie. Weitere Lustspieladaptionen, in kurzer Drehzeit und mit geringem Budget hergestellt, folgen ("Kater Lampe", nach dem Volksstück des ehemaligen SPD-Abgeordneten Emil Rosenow; Der müde Theodor", nach dem Schwank von Neal und Ferner).

Mit "Maria, die Magd" (1936), auf einer Erzählung seines Vaters basierend, wechselt Harlan das Genre und verlegt sich nunmehr auf die Produktion von Melodramen, in denen er fortan Kristina Söderbaum als Hauptdarstellerin lanciert ("Jugend", nach Max Halbe, 1937/38; "Verwehte Spuren", nach Hans Rothe, 1938; "Die Reise nach Tilsit", nach Hermann Sudermann, 1939). Er heiratet sie am 15.4.1939. Der Ehe entstammen die Söhne Kristian Veit (geb. 1939) und Caspar Veit (geb. 1946), der eine Kinderrolle in "Hanna Amon" (1951) erhält und später als Regisseur vor allem von Kinder- und Jugendfilmen tätig ist.

Der Aufstieg zu einem der im Propagandaministerium bevorzugten Regisseure gelingt Harlan mit der sehr freien Verfilmung des Dramas "Vor Sonnenuntergang" von Gerhart Hauptmann, das er – unter der Künstlerischen Oberleitung des Hauptdarstellers Emil Jannings – in "Der Herrscher" (1936/37) zu einer Hommage an das Führerprinzip umzustilisieren weiß: "Modern und nationalsozialistisch. So wie ich mir die Filme wünsche." (J. Goebbels, Tagebuch 12.3.1937). In "Das unsterbliche Herz" (1938/39), wieder nach einer Vorlage seines Vaters, profiliert er sich als geschickter Arrangeur aufwendiger Massenszenen, der sich für die Durchführung propagandistischer Prestigefilme empfiehlt.

So folgen 1940 "Jud Süß" ("Ein antisemitischer Film, wie wir ihn uns nur wünschen können", Goebbels-Tagebuch 18.8.1940), 1940-42 die bis dahin teuerste Produktion, der "Fridericus"-Film "Der große König", in dem bis zu 15.000 Statisten mitwirken. Hier wie auch bei einigen anderen Filmen muß Harlan sich nachträgliche Eingriffe seines Auftraggebers gefallen lassen. Am 4.3.1943 wird er mit dem Professoren-Titel geehrt.

Von den insgesamt neun bis 1945 fertiggestellten Agfacolor-Spielfilmen werden vier unter der Regie Harlans gedreht: seine Binding-Verfilmung "Die goldene Stadt" (1942), die parallel produzierten Melodramen "Immensee" (nach Theodor Storm, 1942/43) und "Opfergang" (erneut nach Rudolf Binding, 1942-44) und das preußische Durchhalte-Epos "Kolberg" (1943/44), dessen Statisterie sich aus Truppenteilen der Wehrmacht und der Wlassow-Armee rekrutiert. Sämtliche Filme werden von der Ufa produziert, bei der Harlan ab 1943 im Rahmen einer eigenen Herstellungsgruppe auch als Produzent für die Filme Alfred Brauns ("Zwischen Nacht und Morgen", 1942-44; "Der Puppenspieler", 1944/45) verantwortlich zeichnet, und für die ihm ein eingespieltes Team kontinuierlich eingesetzter Mitarbeiter zur Verfügung steht (Kamera: Bruno Mondi; Drehbuch-Mitarbeit: Alfred Braun; Regie-Assistenz: Wolfgang Schleif; Schnitt: Friedrich Karl von Puttkamer; Bauten: Erich Zander, Karl Machus; Musik: Hans-Otto Borgmann und Wolfgang Zeller; Aufnahmeleitung: Conny Carstennsen). Auch bei den Darstellern kann er auf ein bewährtes Ensemble zurückgreifen: Heinrich George, Eugen Klöpfer, Paul Wegener, Ernst Legal, Jakob Tiedtke, Hans Herrmann-Schaufuß, Kurt Meisel, Franz Schafheitlin, Paul Bildt, Albert Florath.

Zu Harlans unrealisierten Projekten gehören ein Film über den Baumeister Erwin von Steinbach (1939), ein "Nibelungen"-Film (1940), ein Film über den Krieg in Norwegen, zu dem Felix Lützkendorf ein Drehbuch vorlegt ("Narvik", 1941), Filme über Goethe und Beethoven (1943), die Hamsun-Adaption "Segen der Erde", für die im Herbst 1944 Probeaufnahmen stattfinden, und "Der Kaufmann von Venedig" (1944/45), für dessen Titelrolle Werner Krauß vorgesehen ist.

Bei Kriegsende lebt das Ehepaar Harlan in Hamburg. 1947/48 führt er dort und auf Gastspielreisen ungenannt Regie bei Bühnenstücken, in denen Kristina Söderbaum spielt ("Gaslicht", "Wie es euch gefällt", "Augen der Liebe"). Ein von ihm beantragtes Entnazifizierungs-Verfahren bleibt unabgeschlossen. 1949 wird Harlan – ein Jahr zuvor während der westdeutschen Erstaufführung von Kurt Maetzigs "Ehe im Schatten" vom empörten Hamburger Publikum des Saales verwiesen – nach einem Strafantrag u.a. der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) wegen seiner Regietätigkeit bei "Jud Süß" des "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" angeklagt, in zwei Prozessen in Hamburg (März/April 1949) und Berlin (März/April 1950) jedoch freigesprochen.

Die Aufführung seines ersten Nachkriegsfilms "Unsterbliche Geliebte" (nach Theodor Storm) provoziert 1950 Demonstrationen in mehreren Städten der Bundesrepublik; es folgen diverse Gerichtsverfahren gegen den Hamburger Publizisten und Senatspressechef Erich Lüth, der zum Boykott des Films aufruft, ehe 1958 das Bundesverfassungsgericht zu Ungunsten der klagenden Produktionsfirma Domnick-Film entscheidet. Mit seiner dritten Binding-Verfilmung "Hanna Amon" (1951), der Ehekomödie "Die blaue Stunde" (1952/53) und dem zweiteiligen Ceylon-Abenteuer "Sterne über Colombo" / "Die Gefangene des Maharadscha" (1953/54) kann sich Harlan, der inzwischen bei München lebt, als Regisseur erneut etablieren.

Erst mit "Verrat an Deutschland" (1954), einer Darstellung des Spionagefalls Dr. Sorge, die von der FSK in einem Mißverständnis ihrer nationalkonservativen Tendenz als "kommunistenfreundlich" verboten wird und umgeschnitten werden muß, und der von der FSK gleichfalls monierten Homosexuellen-Kolportage "Anders als du und ich. § 175" (Buch: Felix Lützkendorf; 1957) rückt er noch einmal in den Blickpunkt publizistischen Interesses. Das Drogendrama "Liebe kann wie Gift sein" und das Familienstück "Ich werde dich auf Händen tragen" (nach Theodor Storm) sind 1958 seine letzten Filme. 1963 inszeniert er am Grenzlandtheater Aachen Strindbergs "Traumspiel".

Veit Harlan, der zwei Monate vor seinem Tod zum Katholizismus konvertiert, stirbt am 13. April 1964 auf Capri.

CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film
© 1984ff edition text+kritik im Richard Boorberg Verlag, München.

Filmografie

2001/2002 Das Leben geht weiter
Mitwirkung
 
1984 Jud Süß. Veit Harlans Film und das deutsche Gewissen
Sonstiges
 
1973 Die große Rolle. 2. Jud Süß - die Alptraumrolle
Sonstiges
 
1964 Kolberg - der letzte "Film der Nation"
Sonstiges
 
1959 Ich selbst und kein Engel
Regie
 
1958 Liebe kann wie Gift sein
Regie
 
1958 Ich werde dich auf Händen tragen
Regie, Drehbuch
 
1957/1958 Das gab's nur einmal
Mitwirkung
 
1957 Anders als Du und ich (§ 175)
Regie
 
1954/1955 Verrat an Deutschland. (Der Fall Dr. Sorge)
Regie, Drehbuch
 
1953/1954 Die Gefangene des Maharadscha
Regie, Drehbuch
 
1953-1954/1962 Die blonde Frau des Maharadscha
Regie, Drehbuch
 
1953 Sterne über Colombo
Regie, Drehbuch
 
1952/1953 Die blaue Stunde
Regie, Drehbuch
 
1951 Hanna Amon
Regie, Drehbuch
 
1950/1951 Unsterbliche Geliebte
Regie, Drehbuch
 
1944/1945 Der Puppenspieler
Drehbuch, Herstellungsleitung
 
1943-1945 Kolberg
Regie, Drehbuch, Produzent, Herstellungsleitung
 
1942/1943 Immensee
Regie, Drehbuch, Herstellungsleitung
 
1942-1944/1951 Augen der Liebe
Drehbuch, Herstellungsleitung
 
1942-1944 Opfergang
Regie, Drehbuch, Herstellungsleitung
 
1941/1942 Die goldene Stadt
Regie, Drehbuch, Herstellungsleitung
 
1940-1942 Der große König
Regie, Drehbuch, Herstellungsleitung
 
1940 Jud Süß
Regie, Drehbuch
 
1939-1941 Pedro soll hängen
Regie, Drehbuch
 
1939 Die Reise nach Tilsit
Regie, Drehbuch
 
1938/1939 Das unsterbliche Herz
Regie, Drehbuch
 
1938 Verwehte Spuren
Regie, Drehbuch
 
1937/1938 Jugend
Regie
 
1937 Mein Sohn, der Herr Minister
Regie
 
1936/1937 Der Herrscher
Regie
 
1936/1937 Die Kreutzersonate
Regie
 
1936 Maria, die Magd
Regie, Drehbuch
 
1936 Fräulein Veronika
Regie
 
1935/1936 Kater Lampe
Regie
 
1935/1936 Der müde Theodor
Regie
 
1935 Krach im Hinterhaus
Regie
 
1935 Die Pompadour
Drehbuch
 
1935 Stradivari
Darsteller
 
1935 Das Mädchen Johanna
Darsteller
 
1934/1935 Der rote Reiter
Darsteller
 
1934/1935 Nur nicht weich werden, Susanne!
Darsteller
 
1934/1935 Mein Leben für Maria Isabell
Darsteller
 
1934 Der Fall Brenken
Darsteller
 
1934 Gern hab' ich die Frau'n geküßt
Darsteller
 
1934 Ein Mädchen mit Prokura
Darsteller
 
1934 Abschiedswalzer. Zwei Frauen um Chopin
Darsteller
 
1933/1934 Taifun
Darsteller
 
1933 Flüchtlinge
Darsteller
 
1932/1933 Der Choral von Leuthen
Darsteller
 
1932 Die unsichtbare Front
Darsteller
 
1932 Friederike
Darsteller
 
1932 Die elf Schill'schen Offiziere
Darsteller
 
1931 Yorck
Darsteller
 
1931 Hilfe! Überfall!
Darsteller
 
1931 Gefahren der Liebe
Darsteller
 
1929/1930 Revolte im Erziehungshaus
Darsteller
 
1929 Es flüstert die Nacht ...
Darsteller
 
1927/1928 Somnambul
Darsteller
 
1927 1 + 1 = 3. Ehe man Ehemann wird
Darsteller
 
1927 Die Hose
Darsteller
 
1927 Das Mädchen mit den fünf Nullen
Darsteller
 
1926/1927 Der Meister von Nürnberg
Darsteller
 

Übersicht

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