Berlin. Die Sinfonie der Grosstadt

Berlin. Die Sinfonie der Grosstadt

Deutschland 1927, Dokumentarfilm

Die Symphonie des "Berlin“-Films

Hans Feld, Film-Kurier, Nr. 226, 24.9.1927

Die Musik des "Berlin"-Films komponierte Edmund Meisel. Zum erstenmal tritt damit die Filmmusik gleichberechtigt, gleich wertvoll, neben den Film: verschmilzt mit ihm zu einem Ganzen. Nicht mehr Komposition zum Film; vielmehr musikalischer Teil des Werks.

Als Form der Vertonung wählte Meisel die Symphonie, das thematische, in sich gesteigerte, mit einheitlicher Linie durchkomponierte Ganze. Dabei hatte er zweierlei Möglichkeit: er konnte, aus dem Erlebnis des Films heraus, eine Musik schaffen, musikalisches Erleben der Großstadt.

Er konnte aber auch das Wesen des Films ins Musikalische transponieren. So entstand sein Werk, im Ausdruck dem Film entsprechend. Akustisches Erleben synchronisiert dem Optischen. Eine photographierte Musik.

Diese Musik ist etwas neuartiges; in die Kategorien atonal, farbig, naturalistisch bei allen Dissonanzen, läßt sie sich einfach nicht einreihen. Sie bedient sich aller technischen Hilfsmittel, selbst ein Stück vollendeter Technik.

Einbruch der Technik in die Musik, Möglichkeit einer neuen Kunst. Analog der des neuen Bühnenbilds (das auf der Zertrümmerung des alten beruht), analog der einer neuen Bühne (die eine Zertrümmerung des Zuschauerraums bedeutet). Man kann andere Wege gehen als Meisel sie mit dieser Musik betreten hat. Man wird sie fraglos beschreiten und auf ihnen, im rein musikalischen Sinne, Vieles und Produktives schaffen.

Wobei jedoch nicht vergessen werden darf, daß Meisel in dieser Arbeit eben gar keine Musik im Sinn der Kunstgattung für sich, schaffen wollte. Die Verschmelzung von Film und Musik erfordert andere Ausdrucksweisen.

Meisels Stärke liegt im Rhythmus. Den baut er auf, steigert er, das Thema immer wieder aufnehmend, umformend, höher peitschend. Bis zum Schrei: Berlin. Hier zuckt es, wächst, reißt mit, reiht den letzten Zuschauer ein, in die große Front der zur Arbeit Schreitenden. Alle Schranken niederreißend, mit der Gewalt des Kollektiverlebens. Stärkster Ausdruck des Kollektivgefühls einer kommenden Gemeinschaft.

Die Besetzung des Orchesters – siebenzig Mann, in drei Abteilungen, Orchester und zwei Rangseitenlogen – ist eine an sich reizvolle Frage der Spezialbeschäftigung.

Um seine Wirkungen zu erzielen, bedient Meisel sich aller technischen Hilfsmittel, der Bleche, des Vierteltonklaviers und natürlich des Saxophons. Man munkelt von der Verwendung einiger Schreibmaschinen und Akkumulatoren. Gerüchte, die, wenn sie auf Wahrheit beruhen, technisch interessant sind, ohne mit Wertung und Gesamteindruck des Werkes etwas zu tun zu haben. Neue Art braucht neuen Ausdruck.

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