Ödipussi

Ödipussi

BR Deutschland 1987/1988, TV-Spielfilm

Begnadete Körper

Loriots erster Spielfilm "Ödipussi"



Michael Skasa, Die Zeit, 18.03.1988

Die Miniatur ist sein Metier, kein Fussel entgeht seinem Slapstick-Genie. Ob Nudeln im liebesstammelnden Mundwinkel oder fremde Herren in derselben Hotelbadewanne, ob sprechende Hunde oder bellende Politiker – immer ist es die Kleinigkeit, die monströs den Weg zum Ernst verstellt, immer sind es bloß Haare in Suppen, die private Geschichte straucheln lassen, ist es ein Jota neben dem rechten Weg. Hauptsache, man wahrt Contenance, während Welt zerbröckelt (so hätte vielleicht Carl Sternheim gesagt).

Ein Besoffener im Nobelrestaurant ist scheußlich, ein Prolet gräßlich, will hingegen ein wackrer Angestellter nach jenen drei Sternen greifen (und er greift doch immer nur zum Taschentuch, um den Angstschweiß abzutupfen), so wird die Peinlichkeit zur Schauerkomik: Wer immer strebend sich bemüht, der ist zum Totlachen. Erst seine Mühe, es recht zu machen, ist so ulkig – und während um ihn her Geschirr und Seelen zu Bruch gehen, nur ja nirgends anzustoßen; dieser geballte Ernst, diese Gesittetheit noch in den albernsten Situationen, sind das Pulver von Loriots Witz. "Der gute Ton" als Grundlage für Miß-Akkorde.

Erschreckt schaut ein silbern gescheitelter Herr aus gedecktem Anzug in die Welt. Er könnte Bundeskanzler sein (wie Helmut Schmidt), aber das Schicksal bestimmte ihn zum Besitzer eines Einrichtungshauses: "Du bist jetzt der Chef von Winkelmann & Sohn, wie dein Vater und dein Großvater. Ich bin stolz auf dich", sagt die mächtige, hochbrüstige Mutter (Katharina Brauren) zu ihrem 56jährigen Kind – und man könnte fast überhören, daß die drunterliegende Musikmelange an dieser stolzen Stelle kurz in einen Nationalhymnenakkord stolpert, ganz rasch, ganz nebenher, das ist wohl selbstverständlich. Und geht wohl auch über der Gräßlichkeit unter, daß jene voluminöse Mutterdame derweil aufgebratnes Püree serviert und tadelnd fragt, wieso er nicht "wie andre Jungs auch" zu Hause wohnen könne.

Das Beste passiert immer nebenher. Immer klemmt sein Türschloß – und oft landet Herr Winkelmann dann mit krachender Graziosität im falschen Stockwerk; stets läßt sich die Kommode „Trolleberg" nur mit knatterndem Ruckeln öffnen – jene im Laden wie jene daheim. Alles ist verklemmt. Hagestolz Winkelmann lernt eine herangereifte Psychotherapeutin kennen: Evelyn Hamann. Und er tritt – trotz Mutter – mählich dem Gedanken einer Zweisamkeit näher. Sie leitet mit entschiedner Lockerheit eine Therapiegruppe: naja! Winkelmann wieder verbringt seine Freizeit zwischen Mutterpüree und einem Nebenstubenverein, dessen Ziel es ist, den Gedanken "Frau und Umwelt" in den Karnevalsgedanken – na, was wohl? einzubringen. Gräßlicher Protokoll-Ernst hier, widernatürliche Spontaneitäten bei den Psychos, und hemmungslose Verhemmungen, wenn beide zusammen sind.


Das Wunderbarste aber: Loriot ist ein offenbar glänzender Schauspielführer; jede kleinste falsche Betonung wird da zum Knallgag – bei Loriot spricht ein jeder seinen "Soziolekt", sein berufs- und menschenspezifisches Nebenbei, das Unterbetonen, das Ehrpusselige im Banalen, das Auftrumpfen noch beim Fadesten, dieser geballte Ernst bei Nichtigkeiten, lauter Studien von großer Zartheit und seliger Zärtlichkeit.

Desgleichen die Bewegungen und Haltungen. Die rückwärtsgebogene Edda Seippel: ein einziger Degout angesichts und -gehörs der brahmssingenden Mutter-Riesin, ihr zu Seiten ein devot verkrümmter Pianist und Kunstdiener (Klaus Schultz, von Beruf an sich Aachens Generalintendant). Die stocksteif hockenden Therapie-Opfer, der an Horizonte blickende Nobelkellner und die beiden grauen Mäuse Loriot und Hamann. Ach ja, auch sie haben ihren deutschen Traum von Italien (wie Gerhard Polt in "Man spricht deutsh"), und wieder birgt er ähnliche Katastrophen: das Hotel ist in peinlichster Weise zu teuer, und wenn Polt keine Pizza im Edelrestaurant bekam, so ist bei Loriot ausgerechnet "französische Woche" mit allen Erniedrigungen nasalgeknödelter Speisenfolgen. Mampft bei Polt ein feister Kurienkardinal, so gerät Loriot in ein schwerbewaffnetes Mafiatreffen: deutsche Italienbilder (und die einzige sehr schwache Pointe).

Dafür aber erleben wir in diesem Hotel auch eine herrliche Szene jenseits der Schrecken des Bürgertums: Ein geiler, glatziger Faun hüpft, springt und girrt einer zuckenden, keckernden Blondine über den Flur nach, grapschend, von Liebesappetiten gierig gebeutelt alle beide (und in Doppelrolle dargestellt von Loriot/Hamann). Dies eine Mal schlug Loriot über die Stränge seiner Gesittetheit, ließ er sich von der Absurdität des Alltäglichen ins Abstruse des Nächtlichen fortreißen; mehr davon hätte nicht geschadet. Denn bei aller Schönheit der Augenblicke, beim wilden Spaß am zahmen Fauxpas – ein klein wenig unausgefüllt verläßt man dann dennoch das Kino. Die herrlichsten Miniaturen, mit dem Silbergriffel gestichelt, sind eben doch kein Gemälde (und Meisterfeuilletons taugen nicht zum Roman). Aber schön war es doch, wunderschön.

© Michael Skasa