Karakum

Karakum

Deutschland / Turkmenistan 1992/1993, Spielfilm

Karakum


Wilhelm Roth, epd Film, Nr. 10, Oktober 1994


Das helle Gelb der unendlichen Wüste, das durchsichtige Morgenlicht, das Rot der Dämmerung, das Blau der Nacht: Es ist die Weite der Landschaft, es sind ihre Farben, die uns in diesen Film hineinziehen, die in Erinnerung bleiben. Sie degradieren aber auch, das ist die Kehrseite dieser Faszination, die Personen zu Statisten, trotz der dramatischen Ereignisse, in die sie verwickelt werden.

Der dreizehnjährige Robert fliegt von Hamburg nach Kiew, er will seinen Vater, der in der Wüste von Turkmenistan bei einem Erdgasprojekt mitarbeitet, besuchen. Pjotr, der "zuverlässigste Fahrer" des Unternehmens, wie der Vater meint, holt ihn ab, Murad, ein gleichaltriger Junge kommt mit, auch er will zu seinem Vater, der in einer Kolchose Schafe hütet. Die Fahrt mit dem Lastwagen soll ungefähr zwei Tage dauern, aber es gibt von Anfang an Ungereimtheiten, Störungen. Pjotr fährt einen großen Umweg, er versteckt etwas in einem leeren Gebäude. Der Wagen bleibt im Sand stecken, das Wasser wird knapp, Pjotr geht los, um neues zu holen, und – es war zu erwarten – er kommt nicht wieder.

Damit ist das Spiel eröffnet. Auf der einen Seite zwei Jungen, die sich sprachlich nicht verständigen können, allein in der Wüste: Wie werden sie sich verhalten, was werden sie zu ihrer Rettung tun? Auf der anderen der Vater, sein Team, die Miliz mit Hubschraubern: Werden sie den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen, die Kinder vor dem Verdursten retten? Und dazwischen Pjotr, der sich mit Gangstern eingelassen hat, Rauschgift transportiert. Der Schauplatz: die Wüste. Das dramaturgische Ziel: das Happy-End.

Robert erweist sich als extrem tüchtig, ein Junge aus dem Westen, der mit Technik umgehen kann: Assistiert von Murad baut er aus der Ladung und der Plane des Wagens einen Strandsegler. Der Vater ärgert sich mit den einheimischen Rettungskräften herum. Einmal berühren sich beide Bewegungen, die Fahrt des Sohnes, der Flug des Vaters: Aber Banditen, die Robert und Murad gefangen haben, können den Vater täuschen. Trotzdem wird das gute Ende kommen, unvermeidlich.

Arend Agthe, der wohl erfolgreichste westdeutsche Regisseur von Kinder- und Jugendfilmen (u.a. "Flussfahrt mit Huhn", "Der Sommer des Falken"), erzählt gradlinig, er entwirft die Geschichte fast wie auf dem Reißbrett. An den richtigen Stellen steigert er das Tempo.

Aber er erreicht nur eine äußere Spannung. Die Ängste, Hoffnungen, Widersprüche der Personen interessieren ihn kaum oder er kann sie nicht formulieren. Blitzschnell werden die beiden Knaben, die sich am Anfang so fremd waren, zu Freunden, die sich auch über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg verstehen. Pjotr, die widersprüchlichste Figur, wird in ihrer Ambivalenz zwischen Gut und Böse nicht entwickelt. Die Folge dieser mangelnden Zeichnung der Personen: Man hat nicht eine Sekunde Angst um sie, man leidet nicht mit ihnen, man freut sich auch nicht über das Happy-End.

Und die Weite der Wüste, das Rot der Dämmerung, das Blau der Nacht? Sie wirken als malerische Elemente, nicht als dramatische. Ein handwerklich perfekter Film, der sich zu wenig aufs Leben einläßt.