Stummfilm-Klassiker "Varieté" in digitaler Restaurierung neu erleben

05.02.2015 | 17:56 Uhr

Stummfilm-Klassiker "Varieté" in digitaler Restaurierung neu erleben

Durch die digitale Restaurierung kann man den Stummfilmklassiker "Varieté" neu erleben. Die viragierte Fassung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung feiert ihre Weltpremiere am Freitag, 6. Februar (19 Uhr, Haus der Berliner Festspiele) bei den 65. Internationalen Filmfestspielen Berlin.

Am Sonntag, 8. Februar (11 Uhr, Steintor-Varieté) wird sie dann in Halle an der Saale aufgeführt.

"The Tiger Lillies" begleiten E.A. Duponts Stummfilmdrama bei beiden Vorstellungen live mit ihrer eigens komponierten Musik. "Varieté" (DE 1925, Länge: 95 Minuten) mit dem neuen Score von "The Tiger Lillies" ist ab 6. Februar auf DVD und Blu-ray im Handel erhältlich und ab 16. Februar als DCP für Kinos verfügbar.

Die Restaurierung ist eine Zusammenarbeit von Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung (Wiesbaden) und Filmarchiv Austria (Wien). Gefördert wurde das Projekt von der Verwertungsgesellschaft für Nutzungsrechte an Filmwerken mbH (VGF) und den Freunden und Förderern des deutschen Filmerbes e.V.. Die Herausbringung wurde möglich durch die Kooperation mit der NFP media rights*.

"Erstmals seit Jahrzehnten wird Ewald André Duponts Eifersuchtsdrama wieder weitgehend vollständig und mit hoher Bildqualität zu sehen sein. 'Varieté' setzte filmästhetische Maßstäbe und zählt neben Filmen wie 'Metropolis' oder 'Das Cabinet des Dr. Caligari' zu den Klassikern des Weimarer Kinos. Restaurierungsprojekte dieser Größenordnung sind nur durch die Zusammenarbeit mit Partnern möglich, denen ich herzlich danken möchte", so Ernst Szebedits, Vorstand der Murnau-Stiftung.

"Varieté" zählt zu den Highlights der Berlinale Classics, die mit ihren Premieren aktueller digitaler Restaurierungen die neuen Möglichkeiten für die Präsentation von Filmklassikern einer breiten Öffentlichkeit vorstellt. Der Klassiker ist nun endlich wieder mit seinen brillanten Bildkompositionen und der großartigen Kameraarbeit sichtbar gemacht", so Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek und Leiter der Retrospektive der Berlinale.

"Wir sind stolz auf dieses Werk", sagt Alexander Thies, Geschäftsführer der NFP*, die für den Vertrieb des Films steht und die Musik für "Varieté" in Auftrag gegeben hat. "Mit Martyn Jacques, dem künstlerischen Kopf der Band 'The Tiger Lillies', haben wir genau den Richtigen für die Neukomposition der Musik zu diesem eindrucksvollen Stummfilmklassiker gewinnen können. Jacques und 'The Tiger Lillies' haben eine kongeniale Komposition geschaffen, die den Stummfilm ganz neu erlebbar macht. Als Unternehmen mit besonderem Augenmerk auf Filmmusik freuen wir uns, am Wiedererleben unseres Filmkulturerbes mitzuwirken. So können wir diesem herausragenden Film einen Platz in unserem kollektiven Gedächtnis erhalten. Unsere gemeinsame Arbeit für und mit der Murnau-Stiftung hat schon jetzt auch beeindruckende internationale Resonanz erhalten."

"Das Filmarchiv Austria konnte mit der Einbringung einer einzigartigen Nitrofilmquelle aus seiner Sammlung einen Grundstein für dieses Projekt legen. Die in enger Kooperation mit der Murnau-Stiftung erfolgte digitale Filmrestaurierung erschließt nun ein Juwel des europäischen Filmkulturerbes in neuem Glanz für die Öffentlichkeit", so Ernst Kieninger, Direktor Filmarchiv Austria.

"Durch die aktuelle Restaurierung ist der Film wieder nahezu vollständig und kommt die virtuose Kameraarbeit wieder voll zur Geltung“, so Restauratorin Anke Wilkening (Murnau-Stiftung).

"Unser in Wiesbaden ansässige Förderverein leistet mit der Projektförderung einen ersten Beitrag zur digitalen Restaurierung eines Meisterwerkes. Damit das Filmerbe nicht von der Bildfläche verschwindet, ist eine breite und nachhaltige Unterstützung aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft notwendig", so Boy-Jürgen Andresen, Vorsitzender der Freunde und Förderer des deutschen Filmerbes e.V..

Über die Restaurierung
Bei der weltweiten Recherche wurden die in Archiven gesicherten Materialien analysiert und zusammengetragen. Ein Original-Kameranegativ ist nicht mehr erhalten, jedoch sind zwei zeitgenössische Kopien überliefert. Grundlage der Restaurierung war eine für den amerikanischen Vertrieb gekürzte Nitrokopie aus der Library of Congress in Washington. Darin fehlende Teile und die deutschen Zwischentitel wurden aus einer Nitrokopie des Filmarchivs Austria übernommen. Fehlende Zwischentitel konnte anhand der Zulassungskarte und der Typografie aus der Wiener Kopie rekonstruiert werden.

Das Bonus-Material der DVD- und Blu-ray-Edition entstand in Kooperation mit dem Filmmuseum Potsdam/ Filmuniversität Babelsberg "Konrad Wolf". Es enthält – zusätzlich zur restaurierten Fassung – die gekürzte Version von "Varieté" für den amerikanischen Markt aus dem Jahr 1926 mit neuer Musikbegleitung (Peer Kleinschmidt an der Kinoorgel des Filmmuseums Potsdam). Das 32-seitige Booklet mit Beiträgen von Michael Wedel, Guido Altendorf und Anke Wilkening widmet sich Hintergrundinformationen zum Film, seiner Überlieferung und der aktuellen Restaurierung.

Zum Film
Die historische Bedeutung und der ungebrochene Reiz von "Varieté" speisen sich aus der "inszenatorischen Finesse, die das Geschehen konsequent in die reine Stummfilm-Sprache der Blicke und Gesten überführt, und einer virtuosen Kameraarbeit, die den dargestellten Aufruhr der Empfindungen als sinnliche Sensationen und optische Schwindelgefühle an den Zuschauer weitergibt" (Michael Wedel). Gerade das Spiel grandioser Darsteller wie des Weltstars und ersten Oscar-Preisträgers Emil Jannings sowie Karl Freunds "entfesselte Kamera" faszinieren auch heutige Generationen. Sensationell sind auch die Trapez-Szenen mit dem "Saltomortale", die von dem damals berühmten Artisten-Trio "Codonas" gedoubelt wurden. Der Erfolg bei Publikum und Kritik ebnete für Regisseur E.A. Dupont seinerzeit den Weg nach Hollywood.

"Varieté" handelt von einem Mörder, der die Aussicht auf eine Begnadigung bekommt. Dafür muss er das Schweigen über seine Tat beenden. "Boß" Huller tut dies in einem Gespräch mit dem Gefängnisdirektor, das die Rahmenhandlung bildet. Die Binnenhandlung versetzt den Zuschauer zehn Jahre zurück: Boß, einstmals ein berühmter Trapezkünstler, ist nach einem Unfall zum Schaubudenbesitzer auf der Reeperbahn abgestiegen. Für die verführerische Tänzerin Berta-Marie verlässt er Frau und Kind. Doch diese beginnt mit dem Artisten Artinelli eine Affäre. Als Boß dahinter kommt, ermordet er in Eifersucht seinen Nebenbuhler und stellt sich danach der Polizei.

Mehr zu "Varieté": http://murnau-stiftung.de/projekt-variete

Quelle: www.murnau-stiftung.de

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